Zukunftssicherung durch Ethik! Hirngespinst oder Notwendigkeit?

Beim Begriff Ethik sollten wir uns von bedeutungsschwangeren Vorstellungen lösen. Ethik will eine Orientierung dafür geben, wann und wie Handeln richtig, sinnvoll und gut ist. Die Maßstäbe dafür entstehen aus der Anschlussfähigkeit im sozialen System. Das wird in einer Verbrecherbande anders aussehen als bei …  Dabei ist hier allein die Kommunikation und Interaktion des Menschen systemgestaltend.

Unser reales Verhalten entspringt unseren Realitätsvorstellungen, die sich aus den zunehmend technisch geprägten Eingangsgrößen speisen. Die Informationstechnologie hat dort inzwischen eine dominierende Rolle eingenommen. So geprägte Vorstellungen erleben wir als Hoffnungen und Ängste. Sie schaffen Affinitäten bzw. Aversionen und münden in Handlungen. Aus ihnen leiten wir unsere Kommunikation und die dafür eingesetzte Technik ab, gestalten Beziehungen und Geschäftsprozesse usw. Sind wir mit unserem privaten oder geschäftlichen Erfolg unzufrieden, dann entsprechen wohl unsere Vorstellungen nicht der Realität. Wollen wir Ethik erfolgreich gestalten – müssen wir spezifische Realitätsbilder gestalten. Neben einer so verstandenen Ethik haben wir zwei weitere Mitspieler. Die Sozialstrukturen können wir auch als Gesellschaft konkretisieren und die Technik wird, in Verbindung mit Bedürfnissen, die Handlungsebene bestimmen.

Eine umfassende Darstellung der hier angesprochenen Zusammenhänge, auf Unternehmen bezogen, finden Sie in meinem Buch: Erfolgsrezepte für Unternehmensorganisation systemisch – nachhaltig – salutogen (ISBN 978-3-642-34969-0).

Die Menschen bilden die einzigen situativ handlungsfähigen Elemente in Unternehmen und Gesellschaft. Sie sind es auch, die Technik gestalten und nutzen. Die Natur bringt hier ebenfalls Relationen als Umfeld mit ein. Entscheidend für die Überlebensfähigkeit eines sozioökonomischen Systems sind vier Anforderungen:

  • Selektives Umfeld
  • Erwartungs- und Unsicherheitsbereich für System-Umfeld-Relationen
  • Komplexitätsüberschuss im System
  • Autonomie der Systemelemente

Das können wir auch auf die Menschen selbst übertragen. Die sollten dem entsprechend immer wieder ihren inneren und äußeren Sicherheitsbereich verlassen, um damit einen Komplexitätsüberschuss aufzubauen, welcher erst innere und äußere Autonomie ermöglicht.

Aus einem selektiven Umfeld entsteht eine Grundorientierung für den Überlebenswillen. Wie soll sonst ein System lernen, welche Verhaltensmuster für das System selbst gut sind? Diese Energie zur Selbsterhaltung sprechen wir heute als Autopoiesis an. Es ist die grundsätzliche Ausrichtung der durch Stressoren ausgelösten inneren Systemdynamik an der eigenen Identität, als Individuum und als Gattung. Die System-Umfeld-Relationen haben einen Erwartungsbereich und einen Unsicherheitsbereich. Der Erwartungsbereich ermöglicht eine schnelle Anschlussfähigkeit in Form einer angemessenen Systemantwort. Um dem ständigen Wandel im Umfeld gerecht werden zu können, hat und braucht ein System in seinen Relationen immer auch einen Unsicherheitsbereich. Wir kennen nun mal die Zukunft nicht! Menschen können, wie alle anderen Systeme, nur ein begrenztes Maß an Unsicherheit oder Veränderung gesund verarbeiten. Um uns auf das Unbekannte vorzubereiten, sollten wir unsere Reaktionsfähigkeit trainieren.

Ein Komplexitätsüberschuss im System, das sind intern vorhandene, aber nicht genutzte Relationen, ist für die Reaktionsfähigkeit eine notwendige Bedingung. Diese können wir über Netzwerkstrukturen bereitstellen. Wir brauchen eine strukturelle Redundanz! Die Energie für lebendige Netzwerkstrukturen kommt aus der Autonomie der Systemelemente, aus der Autonomie der Menschen. Das ist eine Redundanz in den Freiheitsgraden. Damit können wir auf die Selbstorganisation bei noch unbekannten Problemen bauen. Wir haben nun eine allgemeine Vorstellung davon, wie Systeme zu gestalten sind, die aus sich heraus die Fähigkeit haben zu überleben. Dieser Systemeigenschaft können wir die Bezeichnung „Überlebensfähigkeit“ zuordnen.

Überlebensfähigkeit oder Lebensfähigkeit

Im Gegensatz dazu sind lebensfähige Systeme auf momentane Umfeldbedingungen ausgerichtet. Alles ist optimiert und angepasst, so dass für abweichende Anforderungen aus dem Umfeld keine angemessene Systemantwort möglich ist. Wir sind optimiert, solange uns das Umfeld so brauchen kann, wie wir sind. Das schlanke Unternehmen orientiert sich hier ausschließlich an Fragen der Wertschöpfung, kennt nur die monetären Aspekte. Damit geht eine umfassende Reduzierung der inneren Systemvielfalt einher. Diese Reduktion betrifft  den betrachteten Realitätsausschnitt, die Unsicherheit und die Komplexität, wo wir doch das Gegenteilige für die Überlebensfähigkeit bräuchten. Solche Systeme bilden ein hohes Beharrungsvermögen aus. Entsprechend dem großen Beharrungsvermögen werden wir auch einen entsprechend großen Leidensdruck brauchen, um Veränderung zu bekommen. Oder wir trainieren unsere Leidensfähigkeit, fordern das wenigstens von den Mitarbeitern ein.

Für die Verbesserung der Wertschöpfung nutzen wir dabei Technik. Technik ist nun mal formal-logisch, basiert auf Messung, Reproduktion und Vergleich. Formeln sagen uns was richtig und falsch ist. Selbst Erfahrungswissenschaften wie Sozialwissenschaft, Medizin oder Psychologie ziehen sich immer mehr auf Messbares zurück. Der unendlichen Varietät des Menschen werden jedoch endliche Leitlinien und Standards nicht gerecht. Röntgenbilder zeigen keine Schmerzen und eine Depression bildet sich nicht in der Kernspinnaufnahme ab. Ein Wertstromdesigne erzählt nichts über Motivation. Dabei lässt uns die Technik ständig erleben wie einfach und eindeutig eine so eingeschränkte Realität sein könnte. Mit der Informations- und Kommunikationstechnologie sind wir beim Austausch von Informationen viel schneller, klarer und sicherer. Wir erleben ein trügerisches Bild der Objektivität. Mit der Logik der Technik können wir auch den Nutzen der Technik beweisen, der unbestritten da ist. Wenn das so gut funktioniert können wir damit auch Gesellschaft und Ethik gestalten, formal, rechtssicher, objektiv. Dort stört dann Individualität, wird durch standardisierte Kommunikation und Interaktion im Keim erstickt.

Wenn das Technische das Lebendige bestimmt

Mit der Logik der Technik finden wir keinen Zugang zu den Grenzen bei der Gestaltung und Anwendung der Technik. In den Geschäftsprozesssimulationen kommt Emotion nicht vor, obwohl doch hoffentlich jeder die nahezu unerschöpflichen Potentiale darin kennt. Die Technik basiert auf lexikalischem Wissen, wobei deren Auswirkungen mit lexikalischem Wissen nicht erfassbar sind. Doch für die Symptome dieser Auswirkungen können wir sie wieder einsetzen. Demnächst brauchen wir ein Medikament gegen die Entzündungen, die durch Nanoteile im menschlichen Körper entstehen. Diese Teile sind inzwischen im Lebensmittelkreislauf angekommen. Die Nanoteile, die wir heute essen und trinken, verbesserten ursprünglich unsere Putzmittel!

Bei der Kommunikation helfen heute technische Möglichkeiten beliebige Entfernungen zu überbrücken und eine schier unendliche Datenmenge auszutauschen. Die Datensätze werden analysiert und auf eine überschaubare Anzahl von Aussagen verdichtet. Telefon, Datenübertragung oder Bildübertragung reduzieren die Vielfalt, die in einer direkten Begegnung unausweichlich vorhanden wäre. Zusätzlich können wir die Fremdbestimmung so nicht mehr wahrnehmen. Es entwickelt sich eine Art autonome Sozialisation, die schon fast ohne reales Gegen¬über auskommt. Diese Reduktion der Kommunikation reduziert die Komplexität des sich daraus bildenden sozialen Systems. Gleichzeitig werden wir, angetrieben durch die formale Prägung der Technik, auch eher formale Organisationssysteme fokussieren. Für Produktion, Qualität, Sicherheit, Überwachung und Führung werden ausgefeilte Systeme entwickelt, eingeführt, überwacht und sanktioniert. Die Beherrschbarkeit solcher Systeme erfordert den Einsatz mächtiger informationstechnischer Werkzeuge, über welche beängstigende Abhängigkeiten entstehen und von der ganze Branchen leben.

Die Affinität zu formaler Macht und Geld lässt sich allenthalben beobachten. Für unsere Betrachtungen hier ist vor allem relevant, dass dies wieder Orientierungsgrößen sind, die wir sehr gut mit der Logik der Technik erfassen können. Die real wirksamen Grundorientierungen scheinen so aufgebaut zu sein, dass diese Merkmale wichtige Bedürfnisse befriedigen. Damit ist das mechanistische Weltbild der Technik auch in den Realitätsmodellen angekommen, damit auch als ethische Orientierung wirksam. Glaubensrichtungen und mächtige Interessenvertretungen sagen uns was richtig und falsch ist. Die OEZD sagt klar aus: „Bildung dient einzig und allein der industriellen Wertschöpfung. Anpassungsfähigkeit an Vorgegebenes ist dabei eine Schlüsselkompetenz!“ Die Auswirkungen erleben wir konkret bei PISA und der Umsetzung des Bologna-Prozesses. Das führt zu einer Normierung und Fremdbestimmung des Menschen. Das Milgram-Experiment, bei dem ein Proband einen tödlichen Stromschlag auslösen soll, zeigt das Gefahrenpotential auf. Mehrheitlich waren die Probanden bereit den Tod herbeizuführen, eben anpassungsfähig. Da ist von einer Überlebensfähigkeit der Unternehmen, Sozialsysteme oder der Volkswirtschaft nicht mehr viel übrig.

Formale Systeme fördern und brauchen Angst!

Informale Systeme fördern und brauchen Vertrauen!

Nach dem etwas bedrückenden Ende unserer Reise, von der Technik bis zu Ethik, werde ich nun den Blick auf Alternativen richten. Wenn wir nach Maßstäben für die Ethik oder die Realitätsmodelle Ausschau halten, müssen diese außerhalb des Systems liegen, das wir gestalten wollen. Sonst bekommen wir eine selbstbestätigende Argumentation, die ethische Ethik, die gesellschaftliche Gesellschaft, das unternehmerische Unternehmen, die technische Technik. Der Prozess, in dem sich bislang die meiste Überlebenserfahrung angesammelt hat, ist die Evolution. Die dort beobachtbaren Mechanismen werden wohl erfolgreich das Überleben ermöglichen. Strukturell wird eine umfassende, vernetzte Rekursion sichtbar. Dem würden z. B. Baumstrukturen, die typischen Organigramme in Unternehmen und Gesellschaft, zuwider laufen. Überlebensfähigkeit wäre eher an kultureller, struktureller und hierarchischer Durchlässigkeit erkennbar. Vernetzte Rekursionen bilden chaotische Systeme und führen zu einem ständigen Wandel und einer Begrenzung. Macht- und Geldmaximierung scheinen also für die Überlebensfähigkeit nicht zuträglich zu sein. Die Evolution zeigt uns auch eine Kontinuität in der Bewusstseinsentwicklung. Je mehr wir von der Welt erfassen, wahrnehmen und begreifen, desto erfolgreicher können wir uns darin bewegen. Irgendwie habe ich beim Menschen den Verdacht, dass die Handlungsfähigkeit schneller wächst als das Verständnis. Eine Lebens¬spanne können wir nun als Ausschnitt der Evolution betrachten und ihr spezifisch die Themen des lebenslangen Lernens und der Autonomieentwicklung mitgeben. Der Augenblick ist wiederum ein Ausschnitt der Lebensspanne, mit Wahrnehmung, bewusster Bewertung und verantwortungsvollem Handeln. Wir sind beim Kant´schen kategorischen Imperativ.

Wenn das Lebendige das Technische bestimmt

Die Vorstellung einer rekursiv vernetzten Realität  beinhaltet weitreichende Implikationen. Sie bildet chaotische Systeme, in denen eine Wenn-Dann-Logik keine wirkliche Bedeutung mehr hat. Die Geschichte von dem Schmetterling in China, der in den USA einen Wirbelsturm auslöst, ist so unsinnig, wie richtig. In solchen Systemen können selbst kleinste Stressoren große Wirkung entfalten. Gleichzeitig können wir einer Wirkung nicht mehr so einfach eine Ursache zuweisen. Die Technik gaukelt uns vor, dass wir dieses chaotische System, die Realität, beherrschen können. Auch wenn wir unsere Betrachtungsausschnitte auf enge Bereiche eingrenzen, so bleibt die grundsätzliche innere Dynamik erhalten und wird uns immer wieder in unserer Beschaulichkeit stören. Regeln werden wir zur Organisation eines Zusammenlebens immer brauchen. Es ist eine Frage der Dosierung, Detaillierung und inneren Dynamik. Heute tendieren wir zu einer verantwortungslosen Gesellschaft! Für weitgehend alles haben wir Instanzen geschaffen die uns garantieren, dass das Auto sicher ist, die Treppenstufen der Norm entsprechen, Obst und Gemüse in formale Raster passen usw. Wenn ich mir die Lippen am Kaffee verbrenne kann ich sicher jemand dafür verantwortlich machen. Auch das wird als Rekursion unsere Realitätsmodelle gestalten.

Es ist nicht die Frage, ob Ethik die Zukunft sichern kann. Es ist die Frage, welche Ethik als Realitätsmodell in unseren Handlungen wirksam wird. Für die Zukunftssicherung sollten aus der inneren Dynamik einer evolutionäre Ethik und einer überlebensfähigen Gesellschaft die Gestaltungsrandbedingungen für die Technik kommen. Mit dieser Orientierung kann die daraus entstehende Technik helfen, die Zukunft zu sichern, einen Beitrag zur Überlebensfähigkeit leisten. Die Konfliktpotenziale aus den unter¬schiedlichen Prägungen können, bei gegenseitiger Wertschätzung, der Motor oder die Quelle der inneren Vitalität für die Überlebensfähigkeit sein. Jeder realitätsreduzierende Einfluss, vor allem von technischen Kommunikationsmitteln, erfordert eine Kompensation im sozialen Miteinander. Da die Einschränkungen zu einer formal-logischen Ausrichtung führen, benötigen wir als Gegengewicht fließende und ergebnisoffene Erlebnisbereiche. Die sollten wir dann nicht garantiert, zertifiziert, kontrolliert, rechnergestützt, virtuell, … gestalten.

Autor: Prof. Dr. Alfred Mack

1968-1987  Lehre, Studium, Promotion

seit 1987  Freiberufliche Tätigkeit als Berater und Coach, Organisationsentwicklung, Innovation, Teamentwicklung, Coaching

1989  Ruf an die Hochschule Esslingen; Fakultät Betriebswirtschaft. Neben technisch orientierten Vorlesungen auch: Arbeiten in Gruppen und Teams, Soziale und kommunikative Kompetenz, Produktionssysteme

Seit ca. 1996  Entwicklung des Modells der „Systemischen Wirkungsausbreitung“

Seit Mitte 2011 Bologna-Experte beim DAAD

8 Jahre Ausbildung in Transaktionsanalyse in den Bereichen Organisation, Beratung und Pädagogik/Erwachsenenbildung, verschieden Vertiefungen und Weiterbildungen

Veröffentlichungen:

Erfolgsrezepte für Unternehmensorganisation systemisch – nachhaltig – salutogen

Das kleine Buch der systemischen Wirkungsausbreitung

Kontakt: www.alfred-mack.de


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