Was erfordert die Digitalisierung? Ein Experten-Diskurs

cebit 2015

Auf der CeBIT 2015-Mittelstandslounge (v.l.n.r.) Thorben Fasching (hmmh & BVDW), Prof. Dr. Hendrik Speck (FH Kaiserslautern), Dunja Koelwel (xethix), Ulla Coester (xethix), Christoph Sauer (noveon), Prof. Dr. Carl Welker (Institut für Informationswirtschaft), Mostafa Akbari (Bitstars)

 

Viele Aspekte rund um die Digitalisierung werden momentan ausgiebig diskutiert. Zum Beispiel, ob die meisten Unternehmen in Deutschland zu zögerlich sind in puncto Vernetzung entlang der Wertschöpfungskette. Oder zu wenig innovativ, wenn es darum geht disruptive Geschäftsmodelle zu entwickeln und nicht zuletzt auch, welcher Mehrwert sich durch den Einsatz innovativer Technologie wie etwa Google Glass oder allgemein Wearables tendenziell generieren lässt.

Bestimmte Aspekte scheinen jedoch in der öffentlichen Diskussion auf weitaus weniger Interesse zu stoßen. Beispielsweise auf welche Weise diese neuen Technologien überhaupt Einzug in den Alltag halten und wie diese Entwicklung in ihrer Gesamtheit zu beurteilen ist. Aber, sind Fragestellungen wie diese heute überhaupt noch relevant? Ist es wichtig, sich Gedanken darüber zu machen, ob ab einem bestimmten Punkt einfach jeder hinnimmt oder gar unbewusst zulässt, dass zum Beispiel Wearables zunehmend sein Handeln bestimmen? Dies war einer der Kernpunkte, die am Mittwoch auf der CeBIT in der Session „Google Glass und Wearables – bald überall im ständigen Einsatz?“ von fünf Experten diskutiert wurde. Die gesamte Diskussion finden Sie unter: https://www.youtube.com/watch?v=0AJ4oSVa190

 Müssen wir überhaupt handeln?

Die, für manchen einen vielleicht, schlechte Nachricht vorweg: Ja – darüber waren sich die Experten in der Diskussionsrunde einig – die Nutzung neuer Technologie erfordert definitiv eine Auseinandersetzung darüber, wie diese genutzt werden soll. Natürlich gibt es bereits heute jede Menge Szenarien – zum Beispiel im Produktionsumfeld – anhand derer sich nachvollziehen lässt, wie sinnvoll der Einsatz neuer Technologien sein kann; und auch, dass Unternehmen ohne diese zukünftig entweder nicht mehr effizient agieren oder keine weitere Effizienzsteigerung mehr erreichen könnten.

So ermöglicht der Einsatz von Google Glass unter anderem, dass ein Mitarbeiter in der Fertigung „ohne lange Einweisung versteht was er tut und im Prinzip Hand-in-Hand mit der Maschine arbeiten kann“. Dies ist nach Ansicht von Mostafa Akbari ein wichtiger Punkt – allein aus dem Grund, dass Maschinen und Systeme heute zunehmend komplexer werden. Auch Christoph Sauer ist davon überzeugt, dass Google Glass im Sinne der Produktionsoptimierung von großem Nutzen sei. Doch während er deren Einsatz im Unternehmen aus Effizienzgründen für unabdingbar hält, käme er „privat nicht auf die Idee, diese zu nutzen“.

Allerdings passiert auch außerhalb des beruflichen Umfelds laut Prof. Hendrik Speck „schon eine ganze Menge“ – vieles läuft jedoch von der Öffentlichkeit völlig unbemerkt ab. Oder, so die Frage von Speck, „wissen Sie, dass der Verkehrsfluss in Berlin anhand Ihrer Mobilfunkdaten getrackt wird?“ Dies bedeute ganz trivial auf den Punkt gebracht: „Sie erhalten eine aktuelle Auskunft über die Staus in Berlin, weil Sie als Verkehrsteilnehmer an irgendwelchen Laternen vorbeikommen“. Seines Erachtens sei diese Tatsache den wenigsten bewusst, andererseits „fänden alle toll, dass es diese Karten zur Umgehung von Engpässen gibt“. Sein Fazit: viele Dienste stehen heute bereits zur Verfügung – auch wenn sie in einigen Bereichen noch längst nicht so ausgereift sind, wie „wir das gerne hätten“. Aber weil diese Use-Cases bereits vorhanden wären, würde hier definitiv weiter entwickelt. Dass ab einem gewissen Punkt Unternehmen anfangen, ihre Vorgehensweise zu hinterfragen, sei dabei eher unwahrscheinlich. Denn – so die einhellige Meinung der Experten – alles „womit Geld gemacht werden kann, wird auch umgesetzt“. Das einzige Prüfkriterium sei, ob und wie schnell sich die Marktdurchdringung realisieren ließe  – also letztendlich, ob  eine Technik „sich sozialisiere oder eben nicht“.

 Sind wir noch autonom?

Diese Fragestellung stellt sich bei näherer Betrachtung als sehr vielschichtig dar. Zum einen zielt sie darauf ab, ob es überhaupt noch vermeidbar ist, dass der  Einzelne über die Daten, die er erhebt oder preisgibt beziehungsweise die Dritte über ihn erfassen manipuliert wird. Diese Befürchtung lässt sich nicht mehr einfach von der Hand weisen. Denn laut Mostafa Akbari muss sich jeder darüber im Klaren sein, dass „sich seine komplette Wahrnehmung verändern wird, allein aus dem Grund, weil Informationen jederzeit sofort greifbar sind“.

Hendrik Speck geht noch einen Schritt weiter – er hält unter anderem Wearables für „eine Erweiterung unseres Nervensystems, mit allen Regeln und Konsequenzen“. Wie leicht Konsumenten schon mit einfachen Mitteln beeinflusst werden können lässt sich seines Erachtens mittels einer „kleinen Studie nachweisen, in der 50.000 Facebook-Nutzern bewusst der Tag versaut wurde, einzig dadurch, dass man ihnen 24 Stunden nur negative Nachrichten schickte“. Das Schlimme hieran sei jedoch vor allem gewesen, dass die „Probanden diese Manipulation noch nicht einmal realisiert hätten“.

Zum anderen stellt sich die Frage, inwieweit Anwendungen und Geschäftsmodelle entwickelt werden, die tatsächlich dem Bedarf der Konsumenten entsprechen. Nach Ansicht von Akbari wird das geboten, was die Leute wollen – er ist davon überzeugt, dass „zum Beispiel viele Menschen in bestimmten Situationen die (Kauf-)Entscheidung vereinfacht oder gar abgenommen bekommen möchten“.

Doch sind diese Anwendung auch im Interesse der Betreiber, wie Prof. Welker erklärt, etwa „um Innenstädte oder Einkaufszentren wieder mehr zu beleben“. Zum Beispiel gibt es eine Anwendung, die gerade in London im Bereich Einzelhandel von seinem Institut getestet werde, welche auf Basis einer individuellen Verbindung zwischen dem Wearable eines Kunden und dem jeweiligen Geschäft „sich mit gezielt ausgerichteten Angeboten meldet, sobald dieser am Ladenlokal vorbeikommt“. Aber – so gibt er auch zu bedenken – „wie man am iPhone bestens sieht, muss ein Gewinn für beide Seiten gegeben sein, denn Apple konnte ja nur Käufer in allen Altersklassen finden, weil haptisches Erlebnis und Komfort bei der Nutzung einfach stimmig sind“. Die Fähigkeit Abläufe auf den Prüfstand zu stellen und dabei zu bewerten, wie mit einer bestimmten Technologien darauf reagiert werden kann, also mit anderen Worten ein Marktvakuum zu decken, spricht er dabei allerdings speziell Entrepreneuren zu.

Impulse für die Diskussion der Zukunft

Bei der Frage, wie die digitale Zukunft gestaltet und wer diese maßgeblich bestimmen wird, waren die Experten zum Schluss ein Stück weit geteilter Meinung. Thorben Fasching geht davon aus, dass die heute geführten Diskussionen über Datenschutz und Datensicherheit automatisch an Relevanz verlieren würden, weil „für die Generation Y diese Themen wenig interessant seien und sich deren Einfluss hier früher oder später bemerkbar machen wird“. Zudem ist er der Überzeugung, dass keine globalen Werte mehr von zentraler Stelle vorgegeben werden könnten und somit „jeder für sein Verhalten in den öffentlichen Medien selbst verantwortlich“.

 

Dementgegen bewertet Prof. Welker in einer Zeit, in der viele gedankenlos – auch mittels Wearables – alles öffentlich machen, gerade das Versprechen mehr Vertraulichkeit, Datenschutz und Datensicherheit bieten zu können, als ein gewichtiges Verkaufsargument. Des Weiteren besteht für Welker und Speck keinerlei Zweifel darüber, dass „zukünftig jeder noch dazu in der Lage sein müsse, die Technik, die er nutzt sowohl zu verstehen als auch zu beherrschen“. Hilfestellung könne nicht mehr in erster Linie durch Regelwerke seitens des Staats geleistet werden: Allein aus dem Grund, dass es zum einem keine autonome Entscheidung einzelner Länder mehr geben könne und zum anderen, weil die kurzen Entwicklungszyklen eine schnelle Anpassung erfordern, doch diese gelingt bereits heute schon nicht mehr, weil die Prozesse zu träge sind.

Fazit: Die Gesellschaft muss sich entscheiden. Dass bedeutet, jeder ist aufgerufen aktiv werden, so Speck, denn „Medienkompetenz lässt sich leider nicht als Schluckimpfung verabreichen“. Folglich steht die Forderung nach Bildung für alle Diskutanten an oberster Stelle, damit – so Akbari – „die Leute in der Lage sind eigenverantwortlich mit diesen Themen umgehen zu können“. Denn so bringt Prof.  Speck es noch einmal auf den Punkt: „Wir müssen eine Datenethik entwickeln.“ Vielleicht würden wir auf dem Weg dorthin noch etwas Zeit benötigen, aber bräuchten wir eventuell doch zu lange? Nichtsdestotrotz fordert Speck gleichwohl am Ende auch eine gewisse Gelassenheit, denn im Prinzip haben Wandlungsprozesse schon immer stattgefunden.

Aber vielleicht doch nicht in dieser Geschwindigkeit und eventuell benötigen wir tatsächlich mehr Zeit uns anzupassen als eigentlich ratsam wäre – was meinen Sie..

 Denn der Dialog wird fortgesetzt: In Köln am 16. Juni im Startplatz findet die erste Veranstaltung „Digitale Ethik 4.0“ initiiert von xethix-Diskurs statt .  

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