Warum künstliche Intelligenz Wissen und Regulierung braucht

Wolf Ingomar Faecks ist Senior Vice President und Industry Lead Automotive/Mobility/Manufacturing/Health bei  Publicis.Sapient EMEA/APAC.

Wolf Ingomar Faecks ist Senior Vice President und Industry Lead Automotive/Mobility/Manufacturing/Health bei Publicis.Sapient EMEA/APAC.

Noch ein Beitrag über die Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz? Oder eher einer über deren Risiken? Wolf Ingomar Faecks, im Management einer Digitalberatung, plädiert dafür, den Menschen klar zu machen, dass Künstliche Intelligenz dem Menschen das Denken nicht abnehmen kann und darf.

Das Hype-Thema „Künstliche Intelligenz“ (KI) besteht aus zwei Bestandteilen: „Künstlich“ und „Intelligenz“. Wie diese beiden Bestandteile derzeit in der medialen Berichterstattung durcheinandergemischt werden, reicht von kritikloser Bewunderung über sehr gemischte Gefühle bis hin zu kategorischer Ablehnung.

Wolf Ingomar Faecks, Senior Vice President und Industry Lead Automotive/Mobility/Manufacturing/Health, Publicis.Sapient EMEA/APAC, ist Experte für die digitale Business Transformation der Publicis Groupe. Er befasst sich seit Jahren mit den unterschiedlichen Facetten der KI. Im Interview erzählt er, warum die so genannten Clarke‘schen Gesetze* und insbesondere die These, dass „jede hinreichend fortschrittliche Technologie nicht von Magie zu unterscheiden sei“, so gut zu Künstlicher Intelligenz passen und warum KI zum Denken anregen sollte.

 Xethix: Die Geschwindigkeit in der technologischen Weiterentwicklung hat zugenommen und eine Regulierung findet meist erst dann statt, wenn etwas passiert ist. So werden Ängste geschürt. Wie ließe sich das besser machen?

Faecks: Nicht nur die Geschwindigkeit der technologischen Entwicklung nimmt zu. In immer kürzerer Zeit wird eine steigende Masse an Informationen produziert und verbreitet. Doch ein Mensch kann nur linear denken, nicht exponentiell. Das würden die Menschen aber sehr gern. Deswegen unterliegen viele der Fehleinschätzung, dass sie in exponentiellen Umfeldern mehr Zeit haben, alle diese Informationen aufzunehmen – und ihnen auch generell mehr Zeit zur Verfügung steht. Das stimmt aber nicht und so entsteht ein Informations-Gap zwischen Fakten, tatsächlichem Wissen und gefühltem Wissen. Daher laufen heute viele Personen Gefahr, Falschinformationen aufzusitzen. Und das ist dann wiederum die Ursache, warum so viele beim Thema Künstliche Intelligenz so diffuse Ängste verspüren.

Xethix: Der Informatiker und Philosoph Jaron Lanier hat in seinem neuen Buch die These formuliert, dass die Bösen keine Angst vor dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz haben und fordert deswegen auch eine Regulierung, um die Guten zu schützen.

Faecks: Hier kommt das so genannte Clarke‘sche Gesetz ins Spiel, die Unterscheidung von Technologie und Magie. Wenn man zu viel über die Risiken redet, dann haben die Guten Angst, innovative Technologien einzusetzen, weil sie sie nicht verstehen. Doch das Problem ist nicht die Technologie, sondern eher, dass der Algorithmus mit den falschen Daten gefüttert wird.

Ein Algorithmus braucht ein Verständnis für das, was zwischen Input und Output passiert. Wenn ich nicht weiß, was die Maschine entscheidet, dann kann sie den Menschen nicht ersetzen. Der Mensch hat dann die Möglichkeit abzuwägen. Deswegen bevorzuge ich auch eher den Begriff Intelligent Augmentation (IA), statt Artificial Intelligence (AI). Maschinen können Prozesse dank vieler Informationen besser automatisieren und die Arbeit des Menschen ergänzen, eine echte eigene Denkleistung können sie nicht hervorbringen.

Jaron Lanier hat auch die These formuliert, dass sich schlechte Nachrichten mehr und schneller verbreiten. Daher müssen diejenigen, die Nachrichten verbreiten, auch besonders sorgfältig damit umgehen und benötigen Regulierungen. Regulierung per se ist nichts Schlimmes. Sie hilft dabei, ethischer zu handeln. Das gilt natürlich auch für den Umgang mit Künstlicher Intelligenz.

Xethix: Google hat 7 Prinzipien zum Umgang mit Künstlicher Intelligenz veröffentlicht. Denn das Thema „mobile first“ ist vorbei, jetzt ist „AI first“ die Ansage.

Faecks: Genau. Ray Kurzweil, Director of Engineering bei Google, beschäftigt sich seit langem mit dem Übergang von Mensch und Maschine und ist auch überzeugt: Man kann keine Plattform führen, ohne Verantwortung zu übernehmen. Ich persönlich finde die Thesen von Google gut. Aber werden sie auch umgesetzt und kontrolliert? Etwa über einen Beirat? Firmen sollten nicht Entscheidungen für die Menschen treffen, diese Entscheidungen sollten vielmehr in einem kritischen Diskurs stattfinden. Plattformanbieter könnten aber den Raum für solche Auseinandersetzungen schaffen, damit sich Menschen bilden und informieren können, um dann eigene Entscheidungen zu treffen.

*Sir Arthur Charles Clarke war ein britischer Physiker und Science-Fiction-Schriftsteller. Er hat im Rahmen seiner Werke die folgenden drei, als „Gesetze“ bezeichneten, axiomatischen Vorhersagen aufgestellt: „Wenn ein angesehener, aber älterer Wissenschaftler behauptet, dass etwas möglich ist, hat er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Recht. Wenn er behauptet, dass etwas unmöglich ist, hat er höchstwahrscheinlich unrecht.“ „Der einzige Weg, die Grenzen des Möglichen zu finden, ist, ein klein wenig über diese hinaus in das Unmögliche vorzustoßen.“ „Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.“

Von diesen drei „Gesetzen“ hat insbesondere das dritte – nicht nur innerhalb der Science-Fiction-Literatur – den Charakter eines Sprichworts erreicht.

 

Links zum Thema: Googles Research Department zu AI: https://ai.google/

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