Stehen wir vor dem Gesundheitsschub oder dem Healthcare-Horror?

Arzu Uyan, Leiterin der Kompetenzgruppe Smart Environment bei eco.

Arzu Uyan, Leiterin der Kompetenzgruppe Smart Environment bei eco.

Das Potenzial der Erfassung und Auswertung von Gesundheitsdaten im großen Stil wird völlig unterschätzt, erklärt eco – Verband der deutschen Internetwirtschaft e. V. anlässlich der Internet Security Days. Der Verband begründet: Der Trend zu Fitnessarmbändern und Smartwatches führe zu einer stark steigenden lückenlosen und automatisierten Erfassung der Vitaldaten von Millionen von Menschen. Die Nutzung dieser persönlichen Daten werde den Nährboden für eine neue Ära der Digitalisierung der Gesundheitswirtschaft in einem heute noch kaum vorstellbarem Ausmaß bilden, prognostiziert eco.

Der Verband spricht von „Smart Healthcare“ mit zahlreichen neuen Geschäftschancen für innovative Unternehmen mit Gespür für digitale Ökosysteme im Gesundheits¬wesen. Gleichzeitig fordert eco einen besonders verantwortungsbewussten Umgang mit diesen sensiblen Daten und weist darauf hin, dass Datensicherheit und Datenschutz keine rein technischen Abläufe sind. „Um einen sicheren Umgang mit Daten zu ermöglichen, brauchen Organisationen nicht nur sichere technische Systeme, sondern auch Guidelines, Prozesse und Trainings“, sagt Arzu Uyan, Leiterin der Kompetenzgruppe Smart Environment bei eco.

Uyan erläutert: „Smart Healthcare wird sich nur positiv entwickeln, wenn mehr Transparenz geschaffen wird. Der Verbraucher möchte einfach und schnell nachvollziehen können, wer seine Daten auf welche Weise nutzt. Dies gilt insbesondere im Hinblick auf die drastisch wachsende Anzahl von unterschiedlichen Produkten und Services, die uns im Alltag begleiten. Wir brauchen Lösungen, die es Verbrauchern ermöglichen, Kontrolle über ihre eigenen Daten auszuüben.“

Vielfältiges Interesse an Gesundheitsdaten

Maik Morgenstern, Chief Technology Officer des AV-Test Institut in Magdeburg, erläuterte auf den Internet Security Days: „Aktivitätenmesser, GPS-Position, Hauttemperatur, Herzschlag, Puls, Kalorienverbrauch, Laufgeschwindigkeit, Schlafphasenüberwachung, Schrittzähler, Stresslevel… viele Verbraucher sind sich nicht bewusst, welche persönlichen Daten sie über Fitnesstracker und Smartwatches sammeln und in der Regel an eine App weitergeben. Vor allem aber sind sich die Verbraucher nicht darüber im Klaren, welche Rückschlüsse auf sie persönlich durch die Auswertung dieses kontinuierlichen Datenflusses möglich sind“. Als „Interessenten“ für diese Daten nennt eco Ärzte, Krankenhäuser, Kranken¬kassen, Versicherungen, die Werbewirtschaft, eine neue Unternehmens¬generation und nicht zuletzt den Staat sowie „die ganze Schar der Cyber-Kriminellen“.

„Daten sind der Rohstoff der Zukunft“ sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem Digitalisierungskongress. Millionen von Menschen sind derzeit dabei, diesen Rohstoff aus ihren ganz persönlichen medizinischen Daten herzustellen, ohne dass geklärt ist, ob und wie sie von diesem Rohstoff profitieren können, warnt eco.

Milliardenmarkt digitale Gesundheitswirtschaft

„Krankenkassen wie die AOK und die Techniker Krankenkasse haben über ihre Bonusprogramme die finanzielle Förderung von Fitnesstrackern und Smartwatches begonnen. Das wirft schon die Frage auf, ob die Aussage, dass die Krankenkassen an den Gesundheitsdaten ihrer Kunden nicht interessiert seien, auf Dauer zu halten sein wird“, sagt Morgenstern. eco verweist auf die jüngste Ankündigung von IBM, die mit der Apple Watch erhobenen Gesundheitsdaten mittels Künstlicher Intelligenz auswerten und Versicherungen zur Verfügung stellen zu wollen.

„Wenn die Vitaldaten derart relevant werden, muss sichergestellt sein, dass sie überhaupt stimmen, um einen medizinisch relevanten Nutzen zu schaffen. Bieten Fitnesstracker überhaupt ausreichenden Schutz vor Manipulation von unbefugten Dritten? Wie kann mehr Transparenz und Kontrolle für Nutzer geschaffen werden?“, wirft Uyan Fragen auf, die laut eco Gesellschaft, Wirtschaft und Gesetzgeber beantworten sollten, bevor die digitale Gesundheitswirtschaft zum Milliardenmarkt wird.

Autor: eco ist mit mehr als 800 Mitgliedsunternehmen der größte Verband der Internetwirtschaft in Europa. Seit 1995 gestaltet der eco Verband maßgeblich die Entwicklung des Internets in Deutschland, fördert neue Technologien, Infrastrukturen und Märkte, formt Rahmenbedingungen und vertritt die Interessen der Mitglieder gegenüber der Politik und in internationalen Gremien.

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