Muss alles umgesetzt werden, was machbar ist?

Zukunftsbücher waren DER Renner in den 1960er und 1970er Jahren. Was da nicht alles bis zum Jahr 2000 verwirklicht sein sollte, wäre es nach den Vorstellungen der Autoren gegangen: Besiedelter Meeresgrund. Kolonien auf Mond und Mars. Krebs besiegt. Individualverkehr in der Luft. Urlaub im Weltall. Heute? Kein Gedanke daran, dass wir in absehbarer Zeit so leben werden. Zukunftsoptimismus auf technologischer Basis ist längst zum Auslaufmodell geworden, zumindest hierzulande.

Bis vor einigen Jahren hätte sich der Großteil der Internetnutzer wahrscheinlich niemals vorstellen können, dass es Individuen in den Sinn kommt, ihre private Daten oder Gedanken in der Öffentlichkeit zu präsentieren und mit aller Welt zu teilen. Eventuell wäre diese Idee gerade noch für die absoluten Enthusiasten des World Wide Web überlegenswert gewesen. Heute erfreuen sich Medien, namentlich Facebook, die solch eine Möglichkeit bieten einer großen Beliebtheit, wie auch das stetige Wachstum der Mitgliederzahlen eindrucksvoll belegt. Diesem Trend kann, aller Aufklärung und Negativ-Meldungen zum Trotz, kein Abbruch getan werden. Interessant dabei ist: irgendjemand kam vor sechs Jahren auf die Idee eine Plattform für die Vernetzung von bestimmten Personenkreisen zu schaffen, hat die technischen Voraussetzungen dazu etabliert. Und mit einem Mal tut eine sehr heterogene Zielgruppe – die weder anhand von Alter, Bildungsstand oder Herkunft charakterisierbar ist – etwas, was dem Einzelnen vormals nicht in den Sinn gekommen wäre.

Aber auch im geschäftlichen Umfeld setzt sich dieser Trend mittlerweile durch – selbst Unternehmen, die sich am Anfang gar nicht recht mit XING, LinkedIn und den weiteren neuen sozialen Medien beschäftigen mochten, kommen langsam aber sicher auf den Geschmack. Auf der anderen Seite besteht jedoch keine wirkliche Wahlfreiheit mehr: Es ist schlicht unmöglich sich dieser Entwicklung dauerhaft zu entziehen, da die Generation Y – also die heutigen Berufseinsteiger um die Mitte Zwanzig bis Anfang Dreißig – mit den vielfältigen Möglichkeiten die das Internet bietet, von der schnellen Informationsbeschaffung bis hin zur ständigen Möglichkeit der Kommunikation, aufgewachsen ist und auf diese entweder nur ungern oder überhaupt nicht mehr verzichten möchte. Weder privat noch im Berufsleben.

Diese Themen sind in der Öffentlichkeit gesetzt und innerhalb relativ kurzer Zeit für uns ein Stück weit alltäglich geworden. Aber der Fortschritt ist unaufhaltsam: Schon sehen wir uns mit neuen Entwicklungen konfrontiert – Angebote, wie unser Leben zukünftig aussehen kann oder gar wird.

Vision und Realität?

Zukunftskongresse mit erlauchten Persönlichkeiten häufen sich – sowohl jene von Herstellern der entsprechenden technischen Systeme als auch solche von Kultur- und Medienexperten. Wer die Zukunft erkunden will, der muss über die Vergangenheit reden, so eine häufig zitierte Weisheit. Beides wurde auf dem 4. Dresdner Zukunftsforum getan. Denn dort standen zwei Redner auf dem Podium, die zugleich Pioniere als auch Auguren der Informationstechnologie sind: Tim Berner-Lee, der Erfinder des Internets sowie Raymond Kurzweil, der als ein bedeutender Visionär der Künstlichen Intelligenz gilt. Aufgrund ihres Wissen und ihrer Erfahrung sind beide prädestiniert dazu, einen nachhaltigen Beitrag im Hinblick auf die Gestaltung einer Version der Zukunft zu leisten.

Gleichwohl gab sich der eine mehr zurückhaltend als der andere: Tim Berner-Lee, der nach eigenen Angaben nicht damit gerechnet hätte, dass sich das Internet in zwanzig Jahren so rasant entwickeln und etablieren würde, hielt sich entsprechend auch mit den Prognosen über den weiteren Fortgang eher zurück; seiner Meinung nach ist der Faktor Mensch doch zu wenig berechenbar. Einzig die Bedeutung des freien Zugangs zum Internet für jedermann ist seines Erachtens unbestritten essentiell, um weltweit die Innovations- und sonstigen Wachstumsmöglichkeiten besser ausschöpfen zu können.

Ray Kurzweil fokussierte hingegen auf das enorme Entwicklungspotential der Technologie. Denn zu Beginn seiner Studienzeit (Kurzweil ist Jahrgang 1948) an der MIT (Massachusetts Institute of Technology) gab es nur einen einzigen Computer – dieser kostete damals mehr als 1 Millionen USD und war größer als ein Haus. Auch das erste Lesegerät für Blinde, entwickelt von Kurzweil, hatte noch die Größe eines Rednerpults. Dimensionen, die kaum mehr vorstellbar sind, betrachtet man die heutigen Computer, Laptops oder Netbooks. Unter diesem Aspekt hatte der technische Fortschritt also bis dato scheinbar nur Vorteile. Aber die exponentielle Entwicklung wird weitergehen, dies prophezeit zumindest Ray Kurzweil und wird zunehmend einhergehen mit einer beschleunigten Marktdurchdringung – ein Phänomen, welches sich wiederum hervorragend am Beispiel von Facebook belegen lässt. 2004 wurde diese Plattform im Internet präsentiert und hat – Stand heute – über 400 Millionen aktive Nutzer weltweit. Generell beeinflussen Innovationen unser Leben nachhaltig, wie sowohl die Erfindung des Buchdrucks als auch des Telefons zeigt – Millionen von Jahren hatte man ohne beides gelebt (beziehungsweise überlebt) und heute ist es kaum noch vorstellbar, dass es man ohne diese Errungenschaften jemals existieren konnte.

Einsatz von Technik – Fluch oder Segen?

Fragen, die sich nahezu zwangsläufig in diesem Kontext aufdrängen: Wie lange geht die Entwicklung exponential in dieser Art und Weise weiter? Oder auch, ob Technik bald das gesamte Leben eines jeden Einzelnen beherrschen wird? Und ist dies dann uneingeschränkt positiv für die Menschen? Eine Auseinandersetzung hiermit könnte in verschiedenen Bereichen für unseren Alltag nicht nur durchaus von Relevanz sondern bald schon dringend notwendig sein. Beispielsweise im Kontext des Themas „Altwerden“, insbesondere in Deutschland. Denn die deutsche Bevölkerung schrumpft und altert.

Bis 2025 wird die Zahl der über 80-Jährigen um 70 Prozent zunehmen. Diese benötigen Unterstützung, Fürsorge und Pflege. Folglich ist die Ausrüstung von Häusern und Wohnungen mit „smarten“ Assistenzsystemen und -geräten, also Ambient Assisted Living oder kurz AAL, eine wichtige Voraussetzung für ein sicheres und komfortables Wohnen sogar im hohen Alter. Hier wird – auch im Auftrag der Regierung – bereits in verschiedenen Bereichen geforscht; dies wurde im Rahmen des 3. AAL-Kongresses, einer gemeinsamen Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und des VDE, noch einmal deutlich. „Die Technik für intelligente Assistenzsysteme ist viel weiter als ihre Nutzung im Alltag“, erklärt hierzu VDE-Vorstandsvorsitzender Dr.-Ing. Hans Heinz Zimmer, „es ist aus technischer Sicht kein Problem, diskrete Systeme zur Verfügung zu stellen, die das Alltagsleben einfacher und komfortabler machen.“

Doch in Japan ist die Forschung ein ganzes Stück weiter – hier wird bereits mit Pflegerobotern experimentiert: Unter der Anleitung der Krankenschwestern führen diese das Anheben oder Umbetten von Patienten durch. Eine weitere Errungenschaft aus Japan, die zurzeit in Deutschland in einigen Pflegeheimen getestet wird, ist die Roboter-Robbe Paro. Paro – ausgestattet mit jeder Menge künstlicher Intelligenz soll bei der Betreuung von Demenzkranken den Pflegern ihre Arbeit erleichtern. Bemerkenswert ist, dass dieses Wesen bis zu 50 unterschiedliche Stimmen abspeichern und entsprechend den abgespeicherten Informationen zuordnen kann – dadurch wird ermöglicht, dass er bei Ansprache einer Kontaktperson sich so verhält, wie diese das gerne möchte. Untersuchungen zeigen, dass sich hierdurch nicht nur das Sozialverhalten der Patienten untereinander verbessert – sie reden mit oder über Paro und fühlen sich wohl dabei – sondern auch der gesundheitliche Zustand. Heute noch kaum vorstellbar, aus diesem Grund wird momentan im Rahmen einer Studie des VDE erforscht, wie Ideen und Vorstellungen zur Integration von Robotern in Deutschland generell ankommen.

Eigener Kommentar.

Man mag zu Facebook im Speziellen oder neuen Technologien im Allgemeinen stehen wie man will. Egal, ob man vorwiegend die positiven Seiten daran erkennt oder alles eher negativ beurteilt – rückgängig machen lässt sich diese Entwicklung nicht mehr. Eventuell überholt sich einiges wieder, weil die Nutzer das Interesse an speziellen Medien verlieren – aber höchstwahrscheinlich wird dann etwas Neues aufkommen. Was hier noch auf uns zukommt und ob Ray Kurzweil mit seiner Prognose, dass wir 2029 die meiste Zeit als Avatare im virtuellen Raum unterwegs sein werden Recht hat – wer kann das heute schon sagen. Denn die entsprechenden Mechanismen hier lassen sich nicht leicht durchschauen: Selbst der Internet-Pionier Tim Berners-Lee gesteht ein, dass er weder den Erfolg von Twitter hätte antizipieren können noch dass er heute in der Lage sei, eine exakte Vorhersage dazu abzugeben, wie es mit der technologischen Entwicklung weitergehe. Eine generelle Aussage kann seiner Meinung jedoch getätigt werden: Im Internet ist alles möglich. Dies soll jedoch auch als Warnung verstanden werden, etwa dahingehend, dass jeder Einzelne in Zukunft noch mehr zuständig sein wird, seine Privatsphäre zu schützen. Ebenso gilt es die Verantwortung dafür anzunehmen, die für den Einzelnen lebenswerte Art der Gesellschaft/Gesellschaftsform mitzugestalten. Denn hier ist nach Ansicht von Kurzweil und Berners-Lee die weitere Entwicklung noch offen. So teilen beide auch die Überzeugung, dass „wir die Kontrolle über die Maschinen sicherstellen müssen, denn sie haben auch Auswirkung auf die Demokratie und Wissenschaft“. In diesem Sinne kann man sich den beiden nur anschließen: „Wir möchten, dass die Menschheit überlebt – das ist unser grundlegender Wunsch, damit uns nicht dasselbe passiert wie den Dinosauriern.“

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