Mensch und Maschine – oder die Zukunft der Arbeit

 SKaspersky_Digital_Amnesia_Kopfmotiveit zwei, drei Jahren beherrschen die Begriffe der Digitalisierung und Automatisierung die neu aufgeflammte Diskussion um die Zukunft der Arbeit in Deutschland, aber auch weltweit.

Meist wird dabei auf das erhebliche Risiko verwiesen, dass bis zur Hälfte aller derzeit existierenden Tätigkeiten aufgrund des technischen Fortschritts wegfallen könnten. Allerdings gibt es bei genauerer Betrachtung der bisherigen Entwicklung keine belastbare Grundlage für rein negative Szenarien eines massiven Verlusts an Arbeitsplätzen, denn weder werden Arbeitsplätze in großem Umfang quasi disruptiv und ‚über Nacht‘ wegfallen, noch müssen wir befürchten, dass im Strukturwandel keine neuen Tätigkeiten, Berufsbilder und damit auch Arbeitsplätze entstehen werden.

Disruptiv und ‚über Nacht‘

Angesichts der Erfahrungen der letzten Jahrzehnte können wir davon ausgehen, dass der kontinuierliche und dynamische Prozess des Strukturwandels zwar mit eine Verlust an Tätigkeiten, Berufen, Unternehmen und ganzen Wirtschaftszweigen auf der einen Seite, aber auch mit dem Entstehen von Neuem auf der anderen Seite einhergehen wird. Das lässt sich am besten als ‚kreative Zerstörung‘ bezeichnen.

Viele der Wandlungsprozesse werden zwar von technischen Möglichkeiten und globalem Wettbewerb angestoßen und beschleunigt vorangetrieben, gleichwohl bieten sich für Akteure auf Arbeitsmarkt erhebliche Gestaltungsmöglichkeiten. Dies gilt für politische Rahmensetzungen ebenso wie für die Organisation von Arbeit in den Unternehmen.

 Strukturwandel der Arbeitswelt

Betrachten wir den Strukturwandel der Arbeitswelt, wie er sich in den letzten Jahren vollzogen hat und auch in der näheren Zukunft voranschreiten dürfte, so werden vor allem jene Tätigkeitsprofile und Arbeitsplätze unter Druck geraten, wo eine Automatisierung mittlerweile technisch möglich und ökonomisch tragfähig ist – dies gilt für viele einfache gewerbliche Tätigkeiten in der Industrie ebenso wie für Sachbearbeitertätigkeiten, die in einem standardisierten Prozess Informationen verarbeiten.

Nicht jeder Arbeitsplatz wird jedoch ersatzlos wegfallen. Vielmehr werden sich die Tätigkeitsprofile verändern, unter intensiverer Nutzung von technischen Möglichkeiten einerseits, unter Ergänzung durch erweiterte Aspekte genuin menschlicher Arbeit andererseits – und menschliche Arbeit wird, gerade in Ergänzung und Erweiterung der technischen Optionen weiterhin zentral bleiben, wenn nicht gar noch an Bedeutung gewinnen.

Der Umgang mit komplexen Informationen, Unsicherheiten und Entscheidungen gehört hier ebenso dazu wie kreative, innovative Tätigkeiten und insbesondere der Umgang und die Kommunikation mit Menschen. In dem Sinne wie bestimmte Routinetätigkeiten automatisiert werden, ergeben sich – unter Einbindung von Technik und darüber hinaus gehend – ganz neue Felder für genuin von Menschen bestimmte Arbeit und neuartige Kombinationen von Tätigkeiten, die bislang nicht vernetzt worden ist. Von daher werden wir ganz neue Berufsbilder entstehen sehen, die menschliche Kompetenzen nutzen und weiterentwickeln.

Dazu werden auch neue Geschäftsmodelle gehören, die wir derzeit noch gar nicht am Markt beobachten oder uns vorstellen können. Generell gibt es eine signifikante Prämie auf Innovation, Kreativität und Schnelligkeit. Gleichzeitig werden wir auch in Zukunft weiteres Wachstum im Bereich Dienstleistungen verschiedenster Art für private Haushalte sehen. Dabei sind sehr unterschiedliche Qualifikations- und Entlohnungsstrukturen je nach Art der Tätigkeit zu erwarten. Insgesamt begünstig die absehbare Entwicklung eine weitere Ausdifferenzierung, wenn nicht Polarisierung am Arbeitsmarkt mit wissensintensiven Tätigkeiten auf der einen Seite und einfacheren Jobs auf der anderen Seite.

Nicht nur die Inhalte des Arbeitens ändern sich

Nicht nur die Inhalte des Arbeitens ändern sich unter diesen Bedingungen, auch die Organisationsstrukturen und Prozesse. Wir können davon ausgehen, dass Menschen in der näheren Zukunft noch vernetzter, mobiler und eigenständiger arbeiten werden, und zwar gerade dort, wo es die Entwicklung und Nutzung von Wissen angeht.

Viele Tätigkeiten werden von den Menschen definiert und geprägt, die sie ausführen, und das geht nicht ohne entsprechende Kenntnisse, Erfahrungen und Motivation. Hier sind traditionelle, oft strikt hierarchisch organisierte Arbeitsmodelle fehl am Platz, die in Deutschland gerade im internationalen Vergleich nach wie vor recht stark prägend sind.

Die Unternehmen sind hier gefordert, entsprechende Freiräume und Kooperationsstrukturen zu schaffen und zuzulassen und Handlungsressourcen der Mitarbeiter zu stärken. So lassen sich positive und unterstützende Arbeitskulturen entwickeln, die verhindern, dass anspruchsvolle Tätigkeiten in flexiblen Arbeitswelten zu enormen psychischen Belastungen und mittelbar auch zu Erkrankungen führen. Hier gibt es bereits auf betrieblicher und tarifvertraglicher Ebene zukunftsweisende Regelungen zu mobilem Arbeiten und Arbeitszeiten sowie zu Grenzen der Erreichbarkeit.

Die Digitalisierung begünstigt auch eine Auslagerung von Tätigkeiten über internetbasierte Plattformen, über die sich Unternehmen und Selbstständige im Zuge von Werkverträgen auf ausgeschriebene Aufgabenstellungen bewerben können. Hier stellt sich vor allem die politische Gestaltungsfrage eines fairen Wettbewerbs zwischen verschiedenen Anbietern.

Institutionell steht hier vor allem eine universellere Einbeziehung in die Sozialversicherung an, um nicht einzelne Erwerbsformen von den Arbeitskosten her gegeneinander ausspielen zu können. Konkret könnte das eine stärkere Einbeziehung von Selbstständigen in die erste Säule der Altersvorsorge bedeuten, wobei Plattformen oder Auftraggeber in die Rolle des Arbeitgebers als Beitragszahler analog übernehmen könnten. Dieses Beispiel zeigt, dass die Digitalisierung sowohl betriebliche als auch tarifvertragliche und gesetzliche Gestaltungsfragen aufwirft. Es wird deutlich, wie sehr die modernen technologischen Möglichkeiten die Arbeitswelt und die Zusammenarbeit innerhalb von Betrieben, aber auch mit externen Partner verändern können – und wie wichtig ein fairer Interessenausgleich hierbei ist.

Autor: Dr. Werner Eichhorst, IZA-Direktor Arbeitsmarktpolitik Europa.

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