Interview mit Harald Summa: „Oft sind es ganz frische Köpfe, die Geschichte schreiben“

Harald A. Summa, eco Geschäftsführer.

Harald A. Summa, eco Geschäftsführer.

xethix: Herr Summa, auf dem eco://kongress haben Sie gesagt, bei der Digitalisierung werde im Moment vor allem über Technik geredet, wichtig sei es aber, über die Folgen nachzudenken. Wer ist Ihrer Meinung nach dafür verantwortlich, den Prozess der Folgenabschätzung zu initiieren und zu moderieren?

Harald Summa: Digitalisierung ist kein isoliertes sondern ein globales Phänomen. Eigentlich bräuchten wir für globale Aufgaben auch globale Verantwortlichkeiten. Wie wir alle wissen, sind wir davon im Jahr 2019 aber noch ein Stück entfernt. Pessimisten könnten darum behaupten: Niemand ist verantwortlich. Ich hingegen sehe das genau andersrum. Meiner Meinung nach steht bei diesem Thema jeder von uns in der Verantwortung.

Bundespräsident Walter Steinmeier hat über den gesellschaftlichen Wandel gesagt: „Demokratie ist nicht, Demokratie wird ständig.“ Und Demokratie bedeutet, dass jeder Einzelne viele Möglichkeiten hat, sich in politische Prozesse und Entscheidungen einzubringen. Mitsprechen können über soziale Medien heute alle. Das heißt zwar noch lange nicht, dass auch jeder gehört wird, aber der Pool möglicher Moderatoren speist sich nicht nur aus Personen, die ein Amt verliehen bekommen haben oder einer Institution angehören. Das ist das Aufregende an Auf- und Umbruchszeiten: Oft sind es ganz frische Köpfe, die Geschichte schreiben.

xethix: Welche Rolle fällt hier der Politik zu?

Harald Summa:Politiker sein, ist heutzutage schwierig. Einerseits gilt noch immer die alte Klage, dass Politiker immer schon auf den nächsten Wahltermin schielen und weitreichende Entscheidungen darum besonders vorsichtig angehen. Andererseits ist die technische Entwicklung immer schneller getaktet.

Gesetze wirken oft schon beim Inkrafttreten gestrig. Damit wirkt Politik oft gleichzeitig kurzsichtig und langsam. Wie Politik dennoch eine wichtige Rolle spielen kann, hat Ministerpräsident Volker Bouffier in Hessens „Rat für Digitalethik“, dem ich angehöre, treffend formuliert: Es gehe darum, „die Leitplanken zwischen Freiheit auf der einen, und Verantwortung auf der anderen Seite zu definieren.“ Wenn der Politik das gelingt, ist schon viel geschafft.

xethix: Halten Sie die Vereinbarung weltweit einheitlicher Standards für realistisch?

Harald Summa: In dem Maße, wie ich auch die Vereinbarung weltweit einheitlicher Steckdosen für realistisch halte, also nein. Aber das sollte uns nicht abschrecken, denn Menschen haben überall ähnliche Bedürfnisse. Sie wollen ihre Geräte mit Strom versorgen. Sie wollen, dass die Technik ihnen dient, nicht umgekehrt. Niemand erwartet, dass ein in Deutschland gekaufter Stecker in jede Steckdose dieser Welt passt.

Aber es gibt Adapter. Ähnlich kann ich mir die Entwicklung von Ethik und Technik vorstellen: Ich werde nie erwarten, dass mein heimischer, ethischer Standard immer und überall gilt. Etwas Anpassung wird immer nötig sein. Aber auf das Grundprinzip „Technik dient Mensch“ sollten wir uns schon einigen wollen. Auch wenn wir, um im Bild zu bleiben, wahrscheinlich nicht immer und überall eine Steckdose finden werden und auch mit Stromausfällen zu rechnen ist.

xethix: Wie lassen sich ethische Standards mit den Interessen einzelner Unternehmen vereinbaren und wodurch werden sie für die Unternehmen relevant?

Harald Summa: Unternehmen haben zwei Interessen. Sie wollen, erstens, Geld verdienen und das, zweitens, legal. Wenn wir ethische Standards mit den Interessen von Unternehmen vereinbaren wollen, haben wir also zwei Stellschrauben. Da Regulierung durch Gesetze eher ein reaktives und noch dazu langsames und oft nicht effektives Werkzeug ist, bleibt die Selbstregulierung durch den Markt. Ich bin sehr optimistisch, dass sich ethisches Handeln durchsetzt, denn das wichtigste ethische Prinzip – „Technik dient Mensch“ – liegt ja im ureigensten Interesse der Internetwirtschaft und seiner Kunden. Damit ist das für Unternehmen höchst relevant.

Denn Kunden, die mit den ethischen Standards nicht zufrieden sind, können ihr Geld, ihre Aufmerksamkeit und ihre Daten im Netz sehr einfach an anderer Stelle investieren. Oder sich, siehe Ihre erste Frage, als souveräner Kopf darum verdient machen, dass unsere digitale Zukunft eine gute Zukunft wird.

Ich freue mich über jeden einzelnen, der dabei mitmacht. Denn wie ich schon auf unserem Kongress sagte: Im ersten Schritt benötigen wir einen gesellschaftlichen Diskurs darüber, welche Folgen die Digitalisierung hat. Das ist die Voraussetzung, damit wir die Digitalisierung gestalten und nicht die Digitalisierung uns. Hierzu hat der echo Verband ganz aktuell als Debattenbeitrag der Internetwirtschaft ein Ethik Kompendium der Digitalisierung veröffentlicht. Es steht auf unserer Website kostenlos zum Download bereit.

https://www.eco.de/wp-content/uploads/dlm_uploads/2019/01/eco_Kompendium_Digitale_Ethik_DinA5_FINAL.pdf

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