Haltung zeigen: Was Compliance mit Tugendhaftigkeit zu tun hat

Dr. Rebekka Reinhard  @Copyright Peter Lindbergh

Dr. Rebekka Reinhard
@Copyright Peter Lindbergh

Ohne Ethik keine Compliance – so sehen es viele moderne Unternehmen. Unternehmensspezifische „Codes of Ethics“ strotzen nur so vor normativen Begriffen wie Integrität, Mut, Zuverlässigkeit, Fairness und Verantwortung. Was aber solche Tugenden im Wirtschafts- und Unternehmenskontext jeweils bedeuten (sollten) und wie man sie überhaupt umsetzen kann, bleibt grundsätzlich rätselhaft. Was ist eigentlich genau mit „Fairness“ gemeint? Wenn „Integrität“ für gewisse moralische Prinzipien stehen soll, wie lassen sich diese dann mit gewissen außermoralischen ökonomischen Interessen vereinbaren? Oder ist „Integrität“ einfach eine Metapher für legitime und legitimierbare geschäftliche Absichten?

Wie immer sich die tatsächliche oder vermeintliche Tugendhaftigkeit der Repräsentanten von Unternehmen und Großkonzernen konkret manifestiert – dass sie mit der für jeden wirtschaftlichen Erfolg entscheidenden utilitaristischen Ethik verträglich sein muss, ist immer Bedingung.

Für den Utilitarismus sind moralisch gute Handlungen grundsätzlich solche, die das subjektive Glück einer größtmöglichen Anzahl von Menschen maximieren bzw. deren Folgen für alle optimal sind. Die auf den Utilitaristen John Stuart Mill zurückgehende Idee des individuellen Nutzenstrebens als Prinzip der Förderung des Gemeinwohls ist zentral für die moderne Ökonomik und Wirtschaftsethik. Unter den Bedingungen des Wettbewerbs könne „das Motiv für Moral nur das individuelle Vorteilsstreben sein“, meint etwa der Philosoph und Ökonom Karl Homann, der Moral als eine in ein komplexes Anreizsystem eingegliederte „Ressource“ versteht, welches das marktwirtschaftliche Verhalten des einzelnen Akteurs zum Wohle aller zu steuern verspricht.

Wenn man davon ausgeht, dass der Mensch im Kapitalismus bei sämtlichen Vorhaben einen Kosten-Nutzen-Vergleich anstellt, um sich anschließend für die am meisten nutzenversprechende Option zu entscheiden, muss man nicht mehr – wie einst Aristoteles – zwischen poiesis (dem ergebnisorientierten herstellenden Tun) und praxis (dem miteinander umgehenden Handeln, dessen Ziel im Tun selbst liegt) unterscheiden. Denn dann ist alles poiesis. Wenn aber jede einzelne Handlung vom Ergebnis her unter Optimierungsaspekten betrachtet wird; wenn Integrität, Fairness, Vertrauen oder Mut nichts anderes als Investitionen sind, die dem doppelten Zweck der Reputationssicherung und Gewinnsteigerung eines Unternehmens dienen, hat man es entweder mit einer vormoralischen oder einer amoralischen „Moral“ zu tun.

Ethik-Codes und Compliance-Richtlinien können eine selbst gewählte ethische Einstellung nicht ersetzen, so wenig wie das Müssen das Wollen ersetzen kann. Wenn Unternehmensethik, Führungsethik und Corporate Compliance mehr sein sollen als Imagepflege, muss klar sein: Tugendhaftes Handeln im echten Sinne ist nur möglich, wenn es von einem guten Willen unterlegt ist, der, wie Immanuel Kant in seiner „Kritik der praktischen Vernunft“ ausführt, sich selbst ein Gesetz gibt. Gutsein ist eine Frage der Haltung – nicht der Anreize.

Autorin: Dr. Rebekka Reinhard promovierte 2001 über amerikanische und französische Gegenwartsphilosophie. Seit 2005 ist sie als philosophische Beraterin in eigener Praxis tätig sowie im Klinikum für Psychiatrie und Psychotherapie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit 2007 umfasst ihr Label „philosophy works!“ auch Vorträge und Workshops für Unternehmen sowie Einzelberatungen für Führungskräfte.

2009 erschien Rebekka Reinhards Spiegel-Bestseller Die Sinn-Diät. 2010 folgte Odysseus oder die Kunst des Irrens, 2011 Würde Platon Prada tragen?, 2013 SCHÖN!

 Kontakt: www.philosophyworks.de

 

Ein Gedanke zu „Haltung zeigen: Was Compliance mit Tugendhaftigkeit zu tun hat

  1. Y. Baron

    Sehr geehrte Frau Dr. Reinhard,
    „ Gutsein ist eine Frage der Haltung …“
    Spontan muss ich an Emmanuel Levinas wieder denken, der z.B. in „Totalité et Infini“ sich bemühte um die Überwindung einer egozentrischen Philosophie — um die Würdigung des Metaphysischen (Quelle: http://tinyurl.com/q72agwd)
    Danke für die Erinnerung: Wieder ein super Essai von Ihnen . Und zum Thema Würdigung: Ich bin immer noch so begeistert von Ihrem Artikel „Frauen müssen raus aus der Opferhaltung!“ Das Beste das ich bis jetzt über Frauenbewegung gelesen habe und noch dazu in einer so konzentrierten FORM !
    Respekt ! Und Beste Grüße,
    Y.Baron

    Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>