Ethik & Privatsphäre: Eine kleine Geschichte des Privaten

Internet-Publizist Tim Cole (Bildquelle: Jürgen Weller)

Internet-Publizist Tim Cole (Bildquelle: Jürgen Weller)

Mit der Ausnahme dieses relativ kurzen Zeitabschnitts hat der Mensch stets in dörflichen oder Stammesgemeinschaften gelebt, also in relativ kleinen, überschaubaren und starren Systemen. Im Dorf gibt es kein Privatleben. Im Dorf weiß jeder alles über jeden –aber man tut so, als wüsste man es nicht. Giovanni ist auf dem Feld, und alles wissen das. Seine Frau Angelina ist mit dem strammen jungen Giacomo gerade auf dem Heuboden, und auch das wissen alle. Aber niemand käme auf die Idee, Giovanni etwas davon zu sagen, denn jeder weiß, der je die Oper „Cavalieria Rustianca“ gesehen hat, was dann passiert: Es gibt Mord und Todschlag, womöglich auch jahrzehntelange Blutrache, auf jeden Fall kommt Unruhe ins Dorf, und das möchte jeder vermeiden. Es gibt also auch im Dorf eine gewisse Schamschwelle, eine nicht verabredete Diskretion, die aber nur zur Aufrechterhaltung der Ordnung und des friedlichen Zusammenlebens dient. Sie hat nichts mit einer wie auch immer gearteten „Sphäre des Privaten“, auf dessen Schutz und Unversehrtheit der Einzelne gar einen gesellschaftlichen Anspruch anmelden könnte.

Privatheit ist nicht nur eine relativ neue Erfindung, es ist auch eine ausgesprochen westliche Idee. In allen asiatischen Gesellschaften spielt sie so gut wie keine Rolle, weil man sie gar nicht kennt. Sie wäre in der Regel auch gar nicht praktisch durchsetzbar. Selbst in der bürgerlichen Mittelschicht Indiens leben mehrere Menschen auf allerengsten Raum, in Japan sind Zimmer in vielen Wohnhäusern nur durch verschiebbare Wände aus Papier voneinander getrennt. Jeder Versuch, sich hier „ins Private“ zurückzuziehen, wäre von vorne herein zu Scheitern verurteilt. Jeder weiß, dass er jederzeit und schlagartig Mittelpunkt einer kleinen Versammlung von Familienmitgliedern, Nachbarn, Freunden oder Wildfremden werden kann.

Die vernetzte Gesellschaft ist also in weiten Teilen der Welt bereits gelebte Realität. Wer Teil einer solchen Gesellschaft ist, lebt nach einem ganz bestimmten moralischen Kodex, nämlich: Rechne immer damit, dass alles, was du tust, entweder bereits öffentlich ist oder es ganz schnell werden kann. Darauf muss der Einzelne sein eigenes Verhalten ausrichten.

Japan ist dafür ein gutes Beispiel. Schon aufgrund der enormen Bevölkerungsdichte ist der Mensch dort selten mal alleine, und so hat sich eine besondere Art der Diskretion als allgemein anerkannte Spielregel herausgebildet. Wer nur durch eine dünne Wand aus Reispapier voneinander getrennt ist, bekommt zwangsläufig zumindest akustisch alles mit, was der andere macht. Jungen Japanerinnen ist zum Beispiel klar, dass jeder im Haus hören kann, wenn sie auf die Toilette gehen.

Da Japanerinnen aber in der Regel äußerst schamhaft sind, empfinden sie die dabei zwangsläufig entstehenden Geräusche als extrem peinlich. Um sie zu übertönen, haben sich viele von ihnen angewöhnt, sobald sie Platz genommen haben, lang und anhaltend an der Wasserspülung zu ziehen. Da aber Trinkwasser in Japan relativ knapp ist, leiden viele dieser jungen Damen an einem chronisch schlechten Umweltgewissen. Das hat wiederum findige Unternehmer auf den Plan gerufen, die das Geräusch der Wasserspülung nachahmen. Ein bekannter Hersteller ist die Firma Otohime, was wörtlich „Geräuschprinzessin“ heißt. Solche Apparate gibt es heute in Japan auf fast allen öffentlichen Damentoiletten. Im Herrenklo hat es sich dagegen nicht durchsetzen können – auch in Japan ist den Herren der Schöpfung offenbar egal, wer ihnen dabei zuhört…

In Europa und den Vereinigten Staaten gibt es seit 2009 eine Bewegung, die sich „Post-Privacy“ nennt, was sich am besten mit „Was nach der Privatheit kommt“ übersetzen kann. Wie früher schon Technolibertinäre wie John Perry Barlow von der Electronic Frontier Foundation gehen sie von einem „Menschenrecht auf Information“ aus und fordern, dass Geheimhaltung und Datenschutz als Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingestuft und geahndet werden.

Dazu gehören natürlich auch Informationen über Dinge wie soziale Kontakte, politische Einstellungen, das persönliche Weltbild, der Finanzstatus und der Gesundheitszustand. Für die Post-Privacy-Vertreter hat sich mittlerweile auch der Begriff „Spackeria“ eingebürgert. Es handelt sich um ein sogenanntes „Genusenwort“, was aus dem Holländischen kommt und in der Linguistik Wörter bezeichnet, die ursprünglich eine Personengruppe beschimpfen sollten, von dieser aber positiv umgemünzt werden, so wie das Wort „schwul“, das ursprünglich ein Schimpfwort war, aber heute von Homosexuellen selbst wie selbstverständlich verwendet wird.

„Spackos“, wie sie sich selber trotzig nennen, gehen davon aus, dass Datenschutz und der Schutz von Privatsphäre angesichts der großen Menge privater Daten im Internet und seiner einfachen Verteilbarkeit nicht unzeitgemäß, sondern vor allem aussichtslos sei. Die einzige wirksame Art, Informationen daran zu hindern, frei verfügbar zu sein, besteht für mache Spackos darin, sie gar nicht erst ins Netz zu stellen.

„Für klassische Datenschützer ist es ein Albtraum, was da vor sich geht“, schreibt der Netzpolitiker Stefan Münz auf seinem Blog „SELFHTML“. Und weiter: „Die meisten Politiker kommen rein gar nicht mehr mit. Scheinbar fahrlässig und wider alle Vernunft stellen immer mehr Power-User wissentlich über Services wie Gowalla oder Foursquare ihre vollständigen Bewegungsprofile offen ins Netz, während sich dieselben User in öffentlich zugänglichen Tweets und Postings vehement gegen staatliche Schnüffelvorhaben wie die Vorratsdatenspeicherung aussprechen. Das klingt widersprüchlich.

Doch es ist eigentlich ganz einfach: diese Leute wollen einen Staat, der zu ihnen passt, einen transparenten, gläsernen Staat, der alles offenbart, was er über einen weiß. Unter ihresgleichen erleben sie das alles längst: OpenSource, Kooperation, offene Karten. Kein Traum von westlichem Sozialismus, wie einst oft beschworen in verrauchten Studentenkneipen weit nach Mitternacht, sondern gelebte Wirklichkeit. Kein verordneter Gleichschritt mit profitfeindlicher Grundeinstellung, sondern eher eine Laissez-faire-Haltung innerhalb einer Community der Vernetzten, die netzkonformen Egoismus akzeptiert, aber netzfeindlichen Egoismus umso konsequenter erkennt und ahndet: mit digitalem Rauswurf.“

Die Frage, die sich jetzt stellt, lautet: Wie verändern sich mit dieser veränderten Situation auch die Vorstellungen der Menschen und damit letztlich auch die akzeptierten Verhaltensregeln? Heute befinden wir uns an einem Übergang, in der zwei sich widersetzende Gruppen und Strömungen gegenüber stehen. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die unbedingt die Privatsphäre noch besser schützen wollen, also sozusagen digitale Mauern aufbauen, damit wir diesen privaten Raum irgendwie einzäunen und abtrennen können. Auf der anderen stehen diejenigen die sagen, das ist sowieso alles Blödsinn, das ist vorbei – also lasst uns gleich alles öffentlich machen.

Auf Facebook kann man diese beiden Gegenbewegungen sehr gut beobachten. Es gibt dort eine große Gruppe von Benutzern, die alles öffentlich machen. Das sind die Rampensäue des Digitalzeitalters, für die Facebook eine große Bühne ist, auf der sie sich selbst darstellen und sich ausleben können. Die anderen nutzen die so genannten „Privatsphären-Einstellungen“, um Statusmeldungen, Fotos und Informationen mithilfe der Inline-Publikumsauswahl so zu verwalten, dass sie nur für einen kleinen, ausgewählten Kreis von Freunden, Kollegen oder Verwandten sichtbar zu machen. Und dann gibt es natürlich noch die große Gruppe derjenigen, die Facebook ohnehin ablehnen und es für Teufelswerk halten.

Wir beobachten diesbezüglich nicht nur ein ausgeprägtes Stadt/Land-Gefälle, sondern vor allem einen Generationsgefälle: Junge Menschen neigen viel eher als ältere dazu, sich auf Facebook mehr oder weniger komplett zu „outen“, was unter den Älteren stets zu lautem Wehklagen und düsteren Warnungen vor künftigen Katastrophenszenarien führt, nach dem Motto: „Wenn du dich eines Tages mal um einen Job bewirbst, wird dir der Personalchef deine Facebook-Eskapaden von gestern vor die Nase halten.“

Was irgendwie an die Jugendsünden des russischen Evgeny Nikitin, der die Titelpartie in der Neuinszenierung der Oper Der fliegende Holländer bei den Bayreuther Festspielen 2012 aufgeben musste, weil ZDF-Reporter auf seiner Brust ein Tattoo entdeckten, das an ein Hakenkreuz erinnerte. Auch hier teilte sich die Welt sofort in zwei unversöhnliche Lager: Hie Menschen wie der Stardirigent Christian Thielemann, der die Entscheidung der Festspielleitung („Hakenkreuz geht nie!“) ausdrücklich begrüßte, dort andere wie der Nikolaus Bachler, Intendant der Münchener Staatsoper, der kritisierte, „dass die Torheit eines 16-jährigen Rocksängers, der diese längst bereut und versucht hat, ungeschehen zu machen“, ausgerechnet nun von der Wagner-Familie geahndet worden sei, deren Umgang mit der Nazi-Vergangenheit der Festspiele nicht gerade von großer Offenheit geprägt gewesen sei.

Die Wahrheit findet sich vermutlich, wie so oft, irgendwo dazwischen. Weder die Vertreter einer radikalen Öffentlichkeit wie die Spackeria noch die genauso radikale Gruppe insbesondere der deutschen Datenschützer werden sich am Ende durchsetzen. Gerade junge Menschen, die so genannten „Digital Natives“, entwickeln nach unserer Beobachtung zunehmend die Fähigkeit der digitalen Diskretion. „Wenn ich mich auf Facebook mit meinen Freunden unterhalte, und mein Lehrer oder Chef hört zu, dann ist er der Arsch und nicht ich“, brachte es kürzlich ein junger Mann auf den Punkt, „denn das macht man nicht!“ Wer am digitalen Schlüsselloch hängt, den empfinden junge Menschen vor allem als eines: unverschämt. Da es für sie die Fiktion eines privaten Raums nicht mehr gibt, machen sie nolens volens alles öffentlich, gehen aber davon aus, das ihre Mitmenschen diskret damit umgehen.

Diskretion ist eine Verhaltensregel und kein Konzept wie das der Privatheit. Die so genannte Privatsphäre ist eine Idee, die einen historischen Hintergrund hat und zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt aufgrund ganz bestimmter Umstände und Entwicklungen entstanden ist. Sie konnte auch nur zu diesem Zeitpunkt und unter diesen Umständen entstehen, und sie besitzt auch nur eine begrenzte Haltbarkeit. Die Vorstellung, es gäbe diese „private Welt“, in die man sich bei Bedarf zurückziehen könne und in der keiner sonst etwas zu suchen hat, ist inzwischen im Zeitalter des digitalen Dorfes schlicht und ergreifend veraltet und überflüssig; sie ist obsolet geworden.

 Autor: Tim Cole ist ein Experte für Themen rund um das Internet, eBusiness. Social Web and IT Security. Er wurde 1950 in Washington geboren, lebte aber mehr als 40 Jahre in Deutschland, wo er als Journalist, Buchautor, TV-Moderator und Referent auf Kongressen und Firmenveranstaltungen arbeitet. Sein Buch „Erfolgsfaktor Internet“, das 1999 bei Econ erschien, wurde zum Bestseller, weil es erstmals in einer für Manager verständlichen Sprache erklärte, warum das Internet fürs Business von entscheidender Bedeutung ist. In dem Buch „Das Kunden-Kartell“ sagte Cole die Machtverschiebung zugunsten des Kunden aufgrund von digitaler Vernetzung voraus. Das „Handelsblatt“ nahm „Kunden-Kartell“ in seine Liste der „100 wichtigsten Wirtschaftsbücher aller Zeiten“ auf. In seinem aktuellen Buch, „Unternehmen 2020 – das Internet war erst der Anfang, beschreibt Cole die weitreichenden Veränderungen in Firmen und Organisationen, die in den letzten 15-20 Jahren aufgrund des Internets entstanden sind, und gibt Prognosen und Tipps für die richtige Weichenstellung im Unternehmen ab. Von 1998 bis 2002 war Cole Chefredakteur des deutschsprachigen Wirtschaftsmagazins „Net Investor“ und dort Erfinder des „NICE Index“, ein Börsenindex der wichtigsten Aktienwerte der Internet-Wirtschaft, das jahrelang Bestandteil der Wirtschaftsnachrichten beim Sender n-tv war. Als Kolumnist und Kommentator schätzt man seine klaren, neutralen Analysen und seine kritische Einschätzung  technologischer Entwicklungen in Deutschland und der Welt sowie ihre Folgen für Wirtschaft.

 

 

 

 

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