Digitalcourage fordert Projektstopp von „Schutzranzen“: VW, Scout, AvD und Schulen sollen Tracking von Grundschülern stoppen

Der Verein Digitalcourage fordert mit einem offenen Brief die sofortige Einstellung des Projekts „Schutzranzen“. Im Rahmen des Projekts tracken Unternehmen die Bewegung von Grundschulkindern. Beteiligt sind die Volkswagen AG (Wolfsburg), Scout (Nürnberg), Uvex (Fürth), der Automobilclub von Deutschland (Frankfurt/Main ), Coodriver (Wolfsburg/ Grünwald) sowie die Städte Ludwigsburg und Wolfsburg. Die App „Schutzranzen für Ihre Kinder“ wurde nach Angaben von Google Play bereits mehr als 5.000 mal installiert.

Der offene Brief kann online unterzeichnet werden.

Im Projekt „Schutzranzen“ werden an Grundschulkinder GPS-Tracker und Apps verteilt und die Daten ausgewertet: Die erhobenen Positionsdaten werden über eine schlecht geschützte ‚Cloud‘ an die Eltern sowie Navigationssysteme und Smartphone-Apps für Autofahrer gesendet.

Kerstin Demuth von Digitalcourage ist entrüstet: „Es ist schamlos, Grundschulkinder zu überwachen und es als Sicherheitsmaßnahme zu verkaufen. Kinder zu tracken und die ungefähren Positionsdaten in Apps und Navigationssysteme einzuspeisen wird eher dazu führen, dass Autofahrer weniger auf die Straße achten. Und Kinder gewöhnen sich daran, dass ihr Aufenthaltsort ständig Eltern und anderen bekannt ist, sie werden sich ständig beobachtet fühlen.“

Sebastian Lisken von Digitalcourage kritisiert die Intransparenz der Apps: „Die Kinder-App sendet Daten an Amazon-Server in den USA, aber davon findet sich kein Wort in den Datenschutzbestimmungen von ‚Schutzranzen‘. Wir haben die ‚Cloud‘ geprüft und schätzen die Konfiguration des Servers als unprofessionell gesichert ein. Ein Hack würde genügen, um die aktuellen Aufenthaltsorte der Kinder herauszufinden.“

„Eltern können sich nicht neutral über das Projekt informieren – alle Informationen stammen von den beteiligten Unternehmen“, kritisiert Friedemann Ebelt von Digitalcourage. „Sicherheit im Straßenverkehr ist absolut wichtig, aber Überwachung ist definitiv der falsche Weg. Vom ‚Schutzranzen‘ haben selbst unter optimalen Bedingungen nur die Kinder etwas, die ihr Überwachungsgepäck bei sich tragen und einem smarten Fahrzeug begegnen. Dagegen würden alle Kinder von Schülerlotsen, verkehrsberuhigten Bereichen, Geländern und beleuchteten Gehwegen profitieren.“

„Die großen gesellschaftlichen Probleme an Projekten wie „Schutzranzen“ sind die Geschäftsmodelle der Unternehmen und ihre Gier nach Daten“, kritisiert Friedemann Ebelt von Digitalcourage. „Akute Probleme, wie Gefahren im Straßenverkehr, werden nicht grundsätzlich gelöst, sondern nur ausgenutzt, um Daten zu sammeln, auszuwerten und zu Geld zu machen.“

Die Website von „Schutzranzen“ wirbt damit, es sei die sicherste App ihrer Art und gibt in den Datenschutzbestimmungen an, es würden ohne Zustimmung keine Daten an Dritte weitergegeben. Dennoch konnte Digitalcourage nachweisen: Daten aus der Kinder-App werden an 1&1, Akamai, Amazon, Google sowie Microsoft und aus der Autofahrer-App sogar an Facebook übertragen werden. Darüber finden sich keine Hinweise in den neuen Datenschutzbestimmungen, die auf schutzranzen.com im Januar 2018 veröffentlicht wurden, nachdem Digitalcourage das Unternehmen mit den Vorwürfen konfrontiert hat.

Digitalcourage will mit dem offenen Brief die Partner des Projekts „Schutzranzen“ überzeugen, andere Lösungen für Gefahren im Straßenverkehr zu finden und Eltern kritisch über das Projekt informieren.

Unter dem Namen „Schutzranzen“ vertreibt Coodriver GPS-Tracker mit Anruffunktion und Smartphone-Apps für Kinder sowie Apps für Eltern und Autofahrer. Die App soll Autofahrerinnen warnen, wenn sich Kinder in der Nähe befinden und ermöglicht es Eltern, ständig zu wissen, wo sich ihre Kinder gerade aufhalten. Im April 2016 gab Volkswagen eine strategische Partnerschaft mit der Coodriver GmbH bekannt. Ab Februar sollen in der Stadt Wolfsburg die Tracker kostenlos an Grundschulkinder verteilt werden, um die Technik zu testen.

 

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