Die Diktatur der guten Gesinnung

IT-Unternehmen IntelliAd sponsort soziale Projekte, u.a. in Namibia

Unsere Urenkel werden uns nicht danach beurteilen, wie viele kollektive Opfer wir für sie erbracht, sondern danach, welchen Freiraum für Kreativität und individuelle Entfaltung wir ihnen gesichert haben.  Noch bis in die 1840er Jahre entführten Skidi-Pawnee-Indianer junge Mädchen von Nachbarstämmen und schlachteten sie auf einem kunstvoll errichteten Schafott. Dieses Opfer war notwendig, um die Fruchtbarkeit der Felder für die Zukunft zu sichern.

Der Glaube, man könne die Zukunft durch ein Opfer in der Gegenwart günstig beeinflussen, war (und ist) in vielen Kulturen verbreitet. Die Verbindung zur Zukunft wird dabei von angesehenen Spezialisten hergestellt. Sie nennen sich Seher, Schamanen, Astrologen, Priester – oder Wissenschaftler.

Im Zuge der Aufklärung übernahm die Wissenschaft immer häufiger das Geschäft der Zukunftsprognose. Basierend auf ihren Vorhersagen definierten die einflussreichsten Personen der Gesellschaft die Opfer, die für das Glück der zukünftigen Generationen erbracht werden mussten. Und die waren nötig, denn Ende des 19. Jahrhunderts stand nach übereinstimmender Meinung der maßgeblichen Experten der Niedergang der Menschheit oder doch zumindest bestimmter Teile davon (eigene Rasse oder Kultur) unmittelbar bevor.

Von Opfern für den Genschutz …

Diese Gewissheit basierte auf einem alternativlosen Wissenskonsens, Darwins Evolutionstheorie: Die Natur war durch verantwortungsloses menschliches Handeln aus dem Gleichgewicht geraten. Eine wachstumsorientierte Sozialpolitik, die der natürlichen Auslese entgegenwirkte und die weniger „Fitten“ begünstigte, behinderte die nachhaltige Entwicklung der Menschheit und gefährdete den ohnehin brüchigen Weltfrieden.

Die Diagnose war eindeutig, schmerzliche therapeutische Mittel waren also unumgänglich. „Es muss der menschliche Artprozess durch die Ausbildung einer Theorie und Praxis der Eugenik soweit rationell beeinflusst werden, dass die Fortpflanzung von konstitutionell Minderwertigen zuverlässig verhindert wird.“, so der gesundheitspolitische Sprecher der SPD und Reichstagsabgeordnete Professor Alfred Grotjahn in den 1920er Jahren.

Ziel einer zukunftsorientierten Politik konnte es demnach nur sein, die Freisetzung „schädlichen“ Erbmaterials so weit als möglich zu verhindern. Der Ausstoß „giftiger“ Erbfaktoren durch den hemmungslosen Wachstumswahn der weniger „Fitten“, musste zwangsläufig zum Erbgutwandel und damit zur Verunreinigung der natürlichen Genosphäre führen.  Viele Staaten suchten ihr Heil im alternativlosen Wissenschaftskonsens und setzten auf Genschutzprogramme. Das hehre Ziel, den Gen-Wandel aufzuhalten, rechtfertigte auch unorthodoxe (sprich: autoritäre) staatliche Eingriffe. Zwangssterilisierungen, Heiratsverbote für Epileptiker, Zwangskastrationen für Geistesschwache waren die Mittel, mit denen der Genpool transformiert werden sollte.

1933 forderte der Literaturnobelpreisträger und Sozialist George Bernhard Shaw, dass eine Zivilisation diejenigen ausrotten müsse, die den Ansprüchen nicht genügen. Um den Eugenikgott milde zu stimmen, war dem Menschheitsfreund kein Opfer zu groß.

… zu Opfern für den Klimaschutz

Heute liefert die Klimawissenschaft einen ähnlich alternativlosen Wissenskonsens: Die globale Durchschnittstemperatur steigt und das vom Menschen gemachte CO2 ist Schuld. Wieder werden zum Wohl zukünftiger Generationen drastische therapeutische Mittel gefordert. Eingriffe in die Freiheit des Einzelnen, Opferung enormer finanzieller Ressourcen und rücksichtslose Naturzerstörung durch Flächenverbrauch für ökonomisch und teilweise auch ökologisch fragwürdige erneuerbare Energieträger sind leider nur die Spitze des Eisbergs.

Der Potsdamer Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber ist gar bereit, die Demokratie aufzugeben. Er will die Macht der demokratischen Mehrheit auf „ein paar wenige Leute, die eine ethische Elite darstellen,“ übertragen.   Zusammen mit seinem Kollegen Stefan Rahmstorf fordert er eine große Transformation der Gesellschafts- und Wirtschaftsordnungen. Ziel ist ein Planwirtschaftssystem, in dem „sämtliche Planungsmaßnahmen zu Raumordnung, Stadtentwicklung, Küstenschutz und Landschaftspflege unter einen obligatorischen Klimavorbehalt gestellt … werden.“   Der amerikanische Klimaforscher James E. Hansen ruft die chinesischen Despoten auf, die Menschheit vor dem Klimatod zu retten. Das kommunistische China sei die „letzte Hoffnung der Welt“  . Weather-Channel-Klima-Expertin Heidi Cullen will allen Meteorologen, die die Rolle des Menschen bei der globalen Erwärmung leugnen, die berufliche Zulassung entziehen.

Die Beamten im deutschen Umweltbundesamt bezichtigen Journalisten und Wissenschaftler, die den „Kenntnisstand der Klimawissenschaft“ kritisch hinterfragen, gar der Unfähigkeit und Käuflichkeit.  Elitenherrschaft, Totalitarismus, Berufsverbot und Pranger, was noch? Um den Klimagott nachhaltig zu besänftigen, fehlt eigentlich nur noch das Menschenopfer. Der Grazer Professor Richard Parncutt hat diese Lücke geschlossen: Er forderte die „Todesstrafe für einflussreiche Leugner der globalen Erderwärmung “.

Wissenschaftliche Prophetie

Ganz offensichtlich sind viele Menschen bereit, fast alles zu tun, wenn ihnen jemand sagt, das Wohl zukünftiger Generationen hänge davon ab. Sie opfern Geld, Freiheit und das Leben anderer. Aus der Geschichte lässt sich dieses Vertrauen in die Prognosefähigkeit der Zukunftsspezialisten nicht ableiten. Die Liste falscher Vorhersagen ist nachhaltig lang.  Als Mitte des 19. Jahrhunderts Experten errechneten, die Straßen New Yorks würden spätestens 1910 unter Pferdemist ersticken, da klang diese Prognose durchaus glaubwürdig. Die exzessive Nutzung des „Rohstoffs“ Pferd musste zwangsläufig zu Problemen mit den dabei anfallenden Abfallstoffen führen. Die New Yorker widerstanden der Versuchung, die Innenstadt zur Umweltzone zu erklären und nur noch Ponys vor Kutschen zu erlauben. Auch Mist-Emissionszertifikate blieben ihnen erspart. Unsere Vorfahren taten etwas, was in den Modellrechnungen nicht vorkam: sie erfanden das Auto.

Im Jahre 1900 erklärte der Physiker Lord Kelvin in einer „Science is settled“-Rede die Physik für abgeschlossen: „Jetzt gibt es nichts Neues mehr in der Physik zu entdecken. Wir müssen jetzt nur noch zunehmend genauere Messungen durchführen.“ Kurz darauf revolutionierten Quanten- und Relativitätstheorie die Physik grundlegend und gaben Kelvins Konsens der Lächerlichkeit preis.

Die These, wir könnten die Entwicklung der Wissenschaft oder Menschheit zuverlässig vorhersagen, ist empirisch nicht zu begründen und logisch nicht zu beweisen. Und wie der Philosoph Dieter Birnbacher treffend feststellt, ist „der Glaube an ein zukünftiges Glück, das durch die Opfer der Gegenwart ermöglicht wird, durch nichts belegt. Das Glück der Zukünftigen, für das der Terror der Gegenwart das unerlässliche Mittel sein soll, ist kein Ergebnis wissenschaftlicher Prognostik, sondern einer den Anspruch der Wissenschaftlichkeit usurpierenden Prophetie.“

Kontrolle statt Kreativität

Obwohl vom wissenschaftlichen Standpunkt aus die Treffsicherheit der bestehenden Modelle zur Vorhersage des Klimas (eines perfekt chaotischen physikalischen Systems!) von der des reinen Ratens kaum zu unterscheiden ist, gibt es nun angeblich einen Klimakonsens, der mit breiter gesellschaftlicher Zustimmung als Prognosegrundlage für eine düstere Zukunft der Menschheit instrumentalisiert wird und in dessen Namen massive Eingriffe in die individuelle Freiheit gerechtfertigt werden.

Für die überwältigende Akzeptanz dieses herbeigeredeten Menschheitsnotstands scheinen mehrere nur teilweise bewusste Prozesse verantwortlich zu sein: Die uralte menschliche Angst vor dem Weltuntergang erzeugt in Tateinheit mit einer fehlgeleiteten Wissenschaftsgläubigkeit und an animistische Vergötterung erinnernde Naturverklärung ein zivilisationsfeindliches Gemenge, das die Menschen zu Geißeln einer virtuellen Zukunft macht, die nicht weniger von uns verlangt, als dass wir ihr unsere Art zu Leben zum Opfer bringen.

Das Bezeichnende an den geforderten Maßnahmen zu Nachhaltigkeit und Klimarettung ist doch, dass sie fast sämtlich auf weniger Konsum, weniger Wachstum, weniger Wohlstand, weniger Markt, weniger individuelle Freiheit abzielen. Kontrolle und Beschränkung ist das Ziel. Fast nie ist die Rede von Kreativität, ergebnisoffener Forschung oder neuen markttauglichen Technologien. Der eigentliche Feind der Klimaretter ist nicht das CO2. Der Feind sind Fortschritt und Freiheit. Die zukünftigen Generationen werden missbraucht, um die eigene Ideologie in der Gegenwart durchzusetzen. Und Kritik an dieser Strategie wird durch das perfide Mittel einer Ausdehnung des Moralbegriffs auf Menschen, die als Bürger einer fernen Zukunft dem Rechtsgut, das ihnen zugesprochen wird, gar nicht zustimmen können, regelrecht geächtet.

Grundsätzlich leidet die Berufung auf das Wohl künftiger Generationen an einer unerträglichen Selbstherrlichkeit. Die ständig erhobenen Forderungen nach „Gleichgewicht“ und „Nachhaltigkeit“ sind nichts anderes als der Ausdruck eines stockkonservativen Denkens, das in letzter Konsequenz dazu führen würde, unseren Nachfahren eine ganz bestimmte Lebens- und Denkungsart aufzuzwingen. Woher wissen wird denn, dass unsere Urenkel dem zustimmen, was „Ökophilosophen“ als „nachhaltiges Leben im Gleichgewicht mit der Natur“ bezeichnen? Wird das, was Nachhaltigkeitsapostel heute als alternativlose Handlungsweise verkaufen, jenen Generationen überhaupt wirklich von Nutzen sein? Wer könnte heute ernst bleiben, wenn unsere Vorfahren unter großen finanziellen Opfern sämtliche Planungsmaßnahmen zu Raumordnung, Stadtentwicklung, Küstenschutz und Landschaftspflege unter einen obligatorischen Pferdemistvorbehalt gestellt hätten?

Fortschritt braucht Freiheit

Fortschritt jedweder Art, insbesondere aber der wissenschaftlich-technische hat Freiheit zur unabdingbaren Grundvoraussetzung. Nur dort, wo das Infragestellen von Prämissen, das Bezweifeln von Folgerungen und das Entwickeln von Alternativen nicht nur geduldet, sondern gefördert wird, sind bisher die großen Wissensdurchbrüche gelungen. Doch statt nach Forschritt streben die Propheten des Untergangs nach Gleichgewicht, statt Kreativität fordern sie Konsens – ein bestürzendes Drehbuch für die Wiedereinsetzung mittelalterlicher Fortschrittsfeindlichkeit.

Konsens, Kontrolle, Einschränkung der individuellen Freiheit, Vorsorge durch Selbstbeschränkung – diese Rezepte für den Schutz späterer Generationen sind genau das Gegenteil dessen, was der Menschheit zu einem noch vor wenigen Jahrzehnten unvorstellbaren Maß an Wohlstand, Gesundheit, Lebenserwartung und individueller Selbstentfaltung verholfen hat. Doch statt die Voraussetzungen für diesen noch nie da gewesenen Lebensstandard anzuerkennen, wettern die Prediger der Nachhaltigkeit gegen „übermäßigen Wohlstand“ und „sinnlosen Luxus“. Vor menschlichem Wohlergehen wird gewarnt, zu Risiken und Nebenwirkungen fragen sie Ihren Nachhaltigkeitsschamanen oder Klimaseher.

Die technischen Möglichkeiten und wissenschaftlichen Überzeugungen unserer Urururenkel sind heute nur dann absehbar, wenn das auf Konsensdenken basierende Stillstandsprogramm unserer Umweltpriester tatsächlich umgesetzt wird.

Unser Vermächtnis an die Zukunft

Heute festlegen zu wollen, wie die Bedürfnisse der Menschen in hundert Jahren aussehen werden, ist an Überheblichkeit nicht zu überbieten. Was gestern noch Abfall war, kann heute ein wertvoller Rohstoff sein (und umgekehrt). Derzeit zeichnet sich beispielsweise ab, dass Kerntechnologien wie die Transmutation es künftig erlauben, den gesamten strahlenden Reaktorabfall in harmlose Stoffe umzuwandeln und dabei noch Energie zu gewinnen. Und Unternehmen wie Planetary Resources planen bereits die ersten Erkundungsmissionen zu Asteroiden, deren Metalle und Mineralien die römischen Grenzen des Wachstums ins Kosmische erweitern werden.

Dieser oft als „naiv“ geschmähte Fortschrittsglaube ist in Wahrheit ein liberaler Humanismus, der den lebenden Menschen (nicht den virtuellen Menschen einer imaginierten Zukunft) dient und auf ihre Kreativität und Fähigkeiten vertraut.

Wir maßen uns nicht an, die Zukunft zu kennen. Aber in einem sind wir uns sicher: Die künftigen Generationen werden uns nicht danach beurteilen, wie viel CO2 wir uns vom Munde abgespart haben, sondern danach, welchen Spielraum für Kreativität und Entfaltung wir ihnen gesichert haben. Damit bereiten wir der Zukunft einen fruchtbaren Boden, nicht mit kleinkarierten Opfergaben wie CO2-Ablass, Dosenpfand und Mülltrennung.

Autor: Dr. Hans-Dieter Radecke und Lorenz Teufel

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>