Der erfolgreiche Weg zum digitalen Unternehmen

Bernhard Kirchmair ist seit Februar 2016 CDO bei Fritz & Macziol und verantwortet die digitale Transformation des IT-Hauses.

Bernhard Kirchmair ist seit Februar 2016 CDO bei Fritz & Macziol und verantwortet die digitale Transformation des IT-Hauses.

Der eigene Digitalisierungsgrad ist für viele Firmen zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor geworden. Es gilt, agil auf die neuen Marktverhältnisse und das veränderte Medienverhalten der Kunden zu reagieren. Oft bedeutet das, sich von den starren Strukturen reiner Produktportfolios zu lösen – zugunsten eines lösungs- und serviceorientierten Geschäftsmodells. Um diesen Wandel erfolgreich zu vollziehen, bedarf es einer übergeordneten Digitalstrategie, die schrittweise umgesetzt wird. Sie muss klare Verantwortlichkeiten schaffen und von allen Mitarbeitern getragen und unterstützt werden. So können Unternehmen den Weg zu einem zukunftsträchtigen Geschäftskonzept meistern, neue Marktpotenziale ausschöpfen und die Basis für den langfristigen Erfolg legen.

Egal ob in der Fertigung, im Handel oder im Gesundheitswesen: Alle Branchen werden heute durch die Digitalisierung grundlegend verändert. Dies ist als Chance zu begreifen. Wer hier eine Vorreiterrolle übernimmt, hat die Nase vorn – umgekehrt erleiden Unternehmen fatale Wettbewerbsnachteile, wenn sie sich dem digitalen Wandel verschließen.

Es geht in erster Linie darum, innovative Geschäftsmodelle zu entwickeln und neue Marktsegmente zu erschließen – gleichzeitig aber auch um die Möglichkeit zur Optimierung von Wertschöpfungsprozessen und Effizienzsteigerungen, die wiederum den (finanziellen) Freiraum für den Aufbau neuer Geschäftsansätze bilden können. Eine klare Verschiebung weg vom Produkt hin zu serviceorientierten Modellen zeichnet sich ab.

Smart Services ist hier das Schlagwort. Wie man mit digitalen Plattformen den Markt erobert, machen Start-ups wie Airbnb und Uber vor – ohne auch nur selbst ein einziges Hotel oder Auto zu besitzen. Kunden erwarten heute schnelle Lösungen aus einer Hand, die zu ihrem Medienverhalten passen. Das trifft nicht nur auf den Konsumenten, sondern zunehmend auch auf den B2B-Bereich (Business to Business) zu. Denn die jungen Führungskräfte und Auftraggeber sind heute Digital Natives, die in ihrem Alltag schon längst an die neuen Möglichkeiten gewöhnt sind und diese auch im Geschäftsumfeld erwarten.

Klare Verantwortlichkeiten schaffen

Der Weg zum digitalen Unternehmen will gut durchdacht sein und sollte schrittweise erfolgen. Ein Unternehmen ist nicht digital, nur weil es intern digitale Tools einsetzt und interne Prozesse digital abbildet. Digitalisierung greift viel weiter. Wie kann ich mein Geschäftsmodell digitalisieren (bevor dies andere tun), wie kann ich die Kundenbeziehung digital verbessern und dadurch Kundenbindung antreiben, wie kann ich agil werden, mich kontinuierlich in Frage stellen und bei Bedarf neu erfinden?

Heute sind Cloud, Big Data, Mobile die Schlüsseltechnologien – übermorgen werden es andere sein. Hier erfolgreich zu sein, erfordert klare Verantwortlichkeiten. Eine Möglichkeit ist die Etablierung eines Chief Digital Officers, der als führender Kopf die Digitalisierung vorantreibt. Laut einer Studie des Branchenverbandes Bitkom leisten sich aber bisher nur zwei Prozent der deutschen Unternehmen mit über 500 Mitarbeitern eine solche Position. Meist ist der CIO oder CTO auch gleichzeitig für die Entwicklung und Umsetzung der Digitalstrategie verantwortlich. Die Herausforderung jedoch ist, Digitalisierung nicht ausgehend von der Technik, sondern vom Markt, neuen Kundenbedürfnissen und Wettbewerbskonstellationen zu denken.

Die Digital-Kultur leben

Entscheidend ist, dass alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Denn der digitale Wandel betrifft die Zukunft des gesamten Unternehmens und damit alle Beschäftigten. Digitalisierung darf nicht von oben oktroyiert sein, sondern muss auf allen Ebenen gelebt werden. Dafür ist es wichtig, eine Digital-Kultur zu etablieren. Wie immer bei Änderungen stehen Mitarbeitern Ängste im Weg: Sie fürchten um ihren Arbeitsplatz oder sehen die Veränderungen skeptisch.

Führungskräfte sollten diese Bedenken und Sorgen ernst nehmen und auf sie eingehen. Sie müssen zu „Change Managern“ werden und Überzeugungsarbeit leisten, um Mitarbeiter zu motivieren, festgefahrene Prozesse und Strukturen aufzubrechen und die Chancen für sich zu erkennen. Fokusgruppen und Mitarbeitertrainings helfen, die Belegschaft auf die bevorstehenden Änderungen vorzubereiten. Auch wenn die Akzeptanz geschaffen ist, brauchen Mitarbeiter Schulungen, damit sie die neuen Methoden effizient einsetzen und ihre Digitalkompetenz weiterentwickeln können. Dafür eignen sich zum Beispiel E-Learning-Tools und Weiterbildungs-Plattformen.

Den Arbeitsalltag digital gestalten

Mitarbeiter können bei ihrer täglichen Arbeit auf vielfältige Weise von digitalen Möglichkeiten profitieren. Wenn etwa rigide Arbeitsmodelle aufgebrochen werden, erhalten sie mehr Flexibilität und können selbst entscheiden, wann und wo sie ihre Aufgaben erfüllen. Vieles lässt sich heute per Smartphone oder Tablet erledigen, ob unterwegs im Zug oder im Home Office. Collaboration-Tools ermöglichen eine enge Zusammenarbeit im Team, auch wenn die Mitglieder auf mehrere Standorte verteilt sitzen.

Ein Multitouch-Gerät im Konferenzraum sorgt dafür, dass alle Beteiligten vor Ort oder remote die Meeting-Ergebnisse digital am Großbildschirm erarbeiten und in Anwendungen integrieren können. Solche Collaboration-Modelle fördern zudem die Zusammenarbeit mit Partnern und Firmenkunden.

Ferner ist die Einführung einer Unternehmens-App ein wertvoller Gewinn. Sie macht wichtige Informationen schnell und einfach verfügbar, wo immer sich ein Mitarbeiter gerade befindet. Oft liegen Daten, Fakten und Erkenntnisse weit und in mehreren Abteilungen verteilt, sodass sie nur unzureichend genutzt werden können. Die Kunst besteht darin, bereits vorhandene Informationen mittels neuer Technologien in verfügbares Wissen umzuwandeln. Dies fördert die Agilität eines Unternehmens. Die IT muss dabei immer praktisch und einfach anwendbar sein und einen wahren Mehrwert aufzeigen.

Chancen für den B2B-Bereich nutzen

Während sich im B2C-Bereich (Business to Consumer) schon viele digitale Geschäftsmodelle etabliert haben, hinken Unternehmen im B2B-Segment noch hinterher. Dabei besteht auch hier die Notwendigkeit und es bieten sich enorme Chancen. Grundsätzlich geht es darum, Produkte und Dienstleistungen so flexibel wie möglich anzubieten und auf schnell wechselnde Kundenanforderungen einzugehen. Wem dies gelingt, der verschafft sich einen wertvollen Wettbewerbsvorteil.

Ein erster Eintrittspunkt in die digitale Welt kann die Ergänzung des klassischen Vertriebs durch einen digitalen Vertriebskanal sein, also beispielsweise ein Portal, in dem Kunden einen schnellen und einfachen Zugang zu Lösungen nach Maß erhalten. Ein Modell, das gerade für IT-Anbieter attraktiv ist: Sie können hier mit Leistungen punkten, die das Management von komplexen IT-Anwendungen und Infrastrukturen für ihre Kunden im Rahmen der digitalen Transformation vereinfachen.

Solche E-Commerce-Modelle sind richtungsweisend und bedienen die steigende Nachfrage nach ITaaS (IT as a Service). Für Unternehmen ist es hilfreich, wenn sie ihre gesamte IT einfach von einem One-Stop-Portal beziehen können: ein Cloud-Marktplatz mit Angeboten für Infrastruktur, Plattformen und Anwendungen, ein Self-Service-Webportal für Benutzer und ein Backend für Administratoren und IT-Manager. Wenn alles, was IT-Abteilungen für die Beschaffung und das Management ihrer IT- und Cloud-Lösungen benötigen, aus einer Hand kommt, schafft das eine spürbare Entlastung. Unternehmen wollen aus einem Katalog an fertigen digitalen Lösungen wählen und zusätzlich eigene Services integrieren, um konkrete Anwendungsszenarien schnell und agil zu realisieren.

Experimentieren und Erfolge messen

Wer wagt, gewinnt – das gilt auch für die digitale Transformation. Es braucht Mut, auch einmal etwas auszuprobieren und Fehler zu tolerieren, um agil zu handeln. Das bedeutet auch, ein Projekt wieder einzustampfen, wenn es sich als wenig aussichtsreich erwiesen hat. Dafür brauchen Firmen ein experimentierfreudiges Umfeld und agile Strukturen. Gerade große Unternehmen tun sich damit oft schwer. Sie versuchen, Unsicherheit durch ein Übermaß an Planung zu kompensieren und bremsen sich dadurch selbst aus. Im digitalen Zeitalter zählt aber Geschwindigkeit.

Genauso wichtig ist es, Maßnahmen immer wieder auf den Prüfstand zu stellen. Denn die Digitalisierung darf kein Selbstzweck sein, sondern sollte immer einen Mehrwert für Mitarbeiter und Kunden bieten. Dafür eignen sich bewährte Methoden zur Erfolgsmessung. Unternehmen sollten zunächst ihre Kennzahlen in den Bereichen Innovation, Collaboration, Prozesse, Mobilität, Organisation und Business Intelligence auswerten.

Auf Basis der Analyse-Ergebnisse werden Produktivitätsfortschritte transparent und es lassen sich Handlungsempfehlungen ableiten. Damit können Unternehmen kostbare Arbeitsstunden einsparen und ihre Prozesskosten beträchtlich senken. Ein Beispiel: Ein Hersteller für Laborgeräte mit ca. 12.000 jährlichen Fertigungsaufträgen und einer Produktionsrüstzeit von 30 Minuten pro Gerät konnte beispielsweise durch eine gezielte IT-Beratung eine deutliche Senkung der Betriebskosten erreichen: Im Ergebnis wurden 1.500 Arbeitsstunden gespart, die für höherwertige Aufgaben genutzt werden konnten.

Es gibt viel zu tun

Der Weg zum digitalen Betrieb ist in Deutschland erst zur Hälfte geschafft, so bilanziert der Branchenverband Bitkom. Zugleich zählen laut einer Bitkom-Erhebung immerhin neun Prozent aller Unternehmen in Deutschland zu den Vorreitern der Digitalisierung. Aber insgesamt verfügen nur 40 Prozent der Befragten über eine Digitalstrategie – es gibt also noch viel zu tun. Wer schrittweise vorgeht, klare Verantwortlichkeiten schafft und seine Mitarbeiter für die neuen Möglichkeiten begeistert, hat die Basis für den Erfolg gelegt. Wichtig sind letztendlich agile Strukturen und messbare Ergebnisse.

 Autor: Bernhard Kirchmair ist seit Februar 2016 CDO bei Fritz & Macziol und verantwortet die digitale Transformation des IT-Hauses. Nach Gründung eines Start-ups und einem Aufenthalt im Silicon Valley war der Informatiker und promovierte Ökonom in verschiedenen leitenden Funktionen bei großen Unternehmen, zuletzt beim Mobilfunkanbieter O2, tätig, bevor er zu dem Ulmer IT-Haus kam. Fritz & Macziol gehört zu Axians, der Marke für ICT-Lösungen von Vinci Energies.

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