Buchtipp: „Kämpf um deine Daten“ von Max Schrems

Kämpf_um_Deine_Daten_BuchEuropäisches Recht ist gut und schön, sagten ihm Datenschutz-Beauftragte großer Internet-Konzerne im Silicon Valley, aber wir tun in Europa sowieso, was wir wollen. Als Max Schrems daraufhin von Facebook alle über ihn vorliegenden Daten verlangte, bekam er 1.200 DIN-A4-Seiten, darunter gut 300 Seiten nachweislich gelöschter Informationen.

Schrems zeigte Facebook bei der zuständigen irischen Datenschutzbehörde an und wurde damit unverhofft zum international beachteten David, der gegen die Goliaths des Internet antritt. Jetzt legt der Student mit der Gabe, den Datenwahnsinn so einfach zu erklären wie Jamie Oliver das Kochen, sein Wissen und seine Erfahrungen aus erster Hand als Buch vor.

Ohne Panikmache und mit ungebrochener Lust an Technologie, erklärt er, wie Konzerne ihre Kunden durchleuchten, auch ohne dass die ihre Daten angeben. Wie aus unproblematischen Daten neue, hoch persönliche Informationen oder sogar unsere zukünftigen Gedanken hochgerechnet werden. Wie sich die IT-Wirtschaft mit ihren politischen Lobbyisten die Möglichkeiten dafür schaffen. Wie sie alle, denen das nicht passt, so lange mit leeren Floskeln einlullen, bis sie überzeugt sind oder entnervt aufgeben. Wie die Behörden und Staaten dem machtlos gegenüber stehen und wie uns das im täglichen Leben betrifft.

Menschen als kommerzialisierte Objekte

Die aktuelle Datenschutztheorie geht auf die Idee zurück, dass die Menschenwürde es verbietet, Menschen zu Objekten zu machen, zu durchleuchtbaren, berechenbaren Nummern. Doch in diese Richtung geht es, hinter dem Rücken der meisten Menschen, meint Schrems.

Denn nach der Salamitaktik haben die Internetkonzerne den Datenschutz in den vergangenen Jahren unmerklich immer stärker beschnitten. Der Nutzer wird unbemerkt zur Melkkuh einesneuen Rohstoffes – persönliche Daten. Die Konzerne werden dabei immer dreister. So werden mit Psychologie und geschickten Tricks immer mehr Informationen gesammelt. Mit Augenzwinkern erklärt Schrems wie unser Verlangen nach Aufmerksamkeit, Teilhabe und Zuneigung von Konzernen geschickt instrumentalisiert wird um uns zu durchleuchten. Wer „geliked“ werden will, muss seine Daten teilen. Wer nicht mitmachen will, findet sich im Dickicht der Privatsphäreeinstellungen wieder, die dafür gemacht wurden nie verwendet zu werden.

Kulturelle Unterschiede

Schrems weist dabei auch auf die oft tiefen kulturellen Unterschiede zwischen Kontinentaleuropa und den USA hin, die seiner Meinung nach der Hintergrund der Konflikte zwischen amerikanischen IT-Konzernen und den europäischen Gesetzen ist. Dabei hat keiner der beiden Seiten absolut Recht – denn Privatsphäre ist meist nicht logisch erklärbar, sondern ein kulturelles Phänomen, meint Schrems.

Die Märchen der Industrie-Lobby

Schrems räumt in „Kämpf um deine Daten“ unter dem Kapitel „Bullshit-Bingo“ kurzweilig und pointiert mit den klassischen Argumenten auf, mit denen uns eingeredet wird, dass alles in Ordnung sei.

Die Leute stellen doch selbst alles ins Netz.: Schrems: „Nur weil einige ihre Privatsphäre nicht nutzen oder sogar aufgeben, kann man nicht auf die Abschaffung des Rechtes auf Privatsphäre an sich pochen. Nach der gleichen Logik würde eine große Spendenbereitschaft der Bevölkerung eine Erosion des Eigentumsrechtes bedingen.“

Du hast doch zugestimmt. „Es gibt Hochrechnungen, denen zufolge Menschen monatelang beschäftigt wären, würden sie alle Datenschutzbestimmungen, die sie in einem Jahr unterschreiben, tatsächlich lesen. Die meisten Datenschutzbedingungen der großen Konzerne sind in Europa auch gar nicht rechtsverbindlich, weil sie etwa zu unkonkret, zu lang oder zu weitgehend sind.“

Das ist nun mal eine technische Entwicklung. Schrems: „Nur weil es technisch möglich ist, die gesamte Erde mit Atombomben mehrfach hochzujagen, ist es noch lange nicht richtig. Nur weil es technisch möglich ist, Menschen komplett zu durchleuchten, ist es noch lange nicht legitim. Technik ist nicht gottgegeben, sondern muss zum Nutzen der Gesellschaft gestaltet werden.“

Du musst das ja nicht benützen. Schrems: „Wir haben keine Wahl. Ein Büromitarbeiter kann ohne Smartphone kaum arbeiten und ohne Facebook und diverse andere Dienste ist man praktisch ausgeschlossen. Gleichzeitig gibt es für viele Dienste heute Monopole oder Oligopole. Friss oder stirb, ist das Motto.“

Diktatur der Algorithmen

Durch das massenhafte Sammeln von Daten und deren Verknüpfung entsteht eininformationelles Ungleichgewicht zwischen Konzernen und Konsumenten, so Schrems. „Der Computer entscheidet, ob jemand einen Versicherungsvertrag oder einen Kredit bekommt. Die Kriterien und die Datenbasis erfahren wir nicht. Statt menschlichen Entscheidungen, Augenmaß und Bauchgefühl zählen nur noch Daten, Statistiken, Fakten und Messwerte. Während die Nutzer immer transparenter werden, verweigern die IT-Konzerne jede Transparenz wenn es um ihre Systeme geht.“

Zudem limitiere die Datifizierung den Freiraum der Menschen massiv, weil alles plötzlich Konsequenzen hat. Das Beispiel USA, wo Schrems wiederholt gelebt hat, zeigt diese Auswirkungen schon heute in der Praxis. „Man muss immer auf der Hut sein, weil alles eine Konsequenz hat. Fällt der Wert für die Kreditwürdigkeit, verliert man womöglich sein Haus. Die Polizei meldet Vergehen der Autoversicherung – die Prämien steigen. Es gibt Datenbanken für alles: Vom Hauskredit bis zu Sextätern. Die Menschen werden zu Sklaven der Datenbanken.“

Wenn sich die Idee der Privatsphäre immer mehr auflösen sollte, erwartet Schrems zwar keine der sonst gern verbreiteten Extremszenarien. Aber: „Wir werden uns zunehmend selbst zensieren, transparenter werden oder unfreiwillig zu äußerlich braveren Bürgern mutieren.

Lebenswerter wird eine derartige Gesellschaft bestimmt nicht, denn dieses Konzept ist weder natürlich, noch hat es sich je bewährt. Man kennt diese Dinge eher aus totalitären Systemen.“

Rechtsbruch als Geschäftsmodell

Doch die Konzerne müssen bei Verstößen gegen den Datenschutz keine nennenswerten Probleme befürchten. Wenn ein Teenager illegal eine MP3 kopiert, ist er mit einem Fuß hinter Gitter. Überwachen Konzerne hingegen illegal Millionen Nutzer und sammeln deren Daten, so passiert wenig. „Too big to fail“ gilt inzwischen auch für Google, Facebook, Apple und Co. Keiner traut sich die illegalen Dienste dieser Konzerne abzudrehen, denn die Konsequenzen für unsere IT-Infrastruktur wären zu groß.

Konsumenten tun sich die Mühen einer Klage erst gar nicht an. Beweise sind praktisch unmöglich zu erbringen. Außerdem bedeutete eine Klage, sich jahrelang mit einem wirtschaftlich übermächtigen Unternehmen zu streiten. Ein Aufwand an Zeit und Geld, den wegen einer Handy-App oder eines Online-Dienstes niemand in Kauf nimmt.

Von den staatlichen Datenschutzbehörden droht auch keine Gefahr. Die wichtigste in Europa – die irische Behörde – residiert in einem kleinen Büro gleich neben einem Landsupermarkt in der beschaulichen irischen Gemeinde Portarlington. Sie verfügt weder über die technischen und finanziellen Möglichkeiten noch über den politischen Rückhalt, um den Konzernen auf Augenhöhe zu begegnen. Strafen sind gesetzlich nicht vorgesehen. Von vielen fragwürdigen Vorgängen und der systematischen Ohnmacht der Behörden erzählt Schrems aus seiner Erfahrung.

Soziale Informationswirtschaft

Der Ausweg ist weder die Verteufelung der Technologie, noch ein Leben als Einsiedler. Schrems spricht sich für die digitale Umverteilung aus. Das Informations- und Machtgefälle zwischen Nutzern und Unternehmen muss durch sinnvolle Regulierungen und technische Mittel ausgeglichen werden. Nutzer müssen wieder die Macht über Ihre Informationen erhalten, ohne dabei innovative Entwicklungen zu hemmen. Auf dem Weg dorthin gibt es viele kleine Schritte, wie die Bewusstseinsbildung, „Datenschutz-Guerilla“, Privacy by Design oder das Aufbrechen von Monopolen.

Ernsthafter Datenschutz, wenn sich Europa nicht lächerlich machen will

Auf politischer Ebene muss ein einheitliches europäisches Datenschutzniveau geschaffen werden, damit sich die Internetkonzerne nicht das schwächste Glied in der Kette aussuchenkönnen, also zum Beispiel Irland oder England, schreibt Schrems. Die bestehenden Gesetze müssen geschärft und flächendeckend durchgesetzt werden. Zudem müsse es ernsthafte Strafen bei Vergehen geben. So kann der „Kampf um unsere Daten“ langfristig gewonnen werden.

Verlag: edition a; Auflage: 1., Aufl. (30. Mai 2014)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3990010867

ISBN-13: 978-3990010860

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