Smart Home: Was bringen die kommenden Jahre?

Alexander Schaper ist Fachwirt der elektro- und informationstechnischen Handwerke (Fachplaner) und Inhaber der Beratungs- und Planungsgesellschaft tsbc – the smartbuilding company in Oldenburg/ Bad Zwischenahn. Seit 2008 vertritt er als Geschäftsführer den Smart Home Initiative Deutschland e.V., den er mit gegründet hat. Mit vernetzten Gebäuden und Gewerken beschäftigt er sich seit Mitte der 1990er Jahre. Sein Schwerpunkt liegt in der strategischen und nachhaltigen Geschäftsentwicklung rund um SmartBuildings und deren „smarten“ Begleiterscheinungen. Seit 2008 fördert er im Rahmen der Initiative den Dialog zwischen den Beteiligten innerhalb der SmartHome-Wettschöpfungskette, um Verständnis zu schaffen und traditionelle Branchenhürden zu überwinden.

Alexander Schaper ist Fachwirt der elektro- und informationstechnischen Handwerke (Fachplaner) und Inhaber der Beratungs- und Planungsgesellschaft tsbc – the smartbuilding company in Oldenburg/ Bad Zwischenahn. Seit 2008 vertritt er als Geschäftsführer den Smart Home Initiative Deutschland e.V., den er mit gegründet hat. Mit vernetzten Gebäuden und Gewerken beschäftigt er sich seit Mitte der 1990er Jahre.

Die Informationsstelle Effizienzhaus Plus im Interview mit Alexander Schaper, Geschäftsführer und Gründungsmitglied des Bundesverbands SmartHome e.V. und Inhaber der Beratungs- und Planungsgesellschaft tsbc – the smartbuilding Company:

Können Sie sich eine Welt – oder denken wir erst einmal kleiner – Deutschland in 50 Jahren nur noch mit Gebäuden mit smarter Haustechnik vorstellen?

Alexander Schaper: Tatsächlich halte ich es für realistisch, dass aus verschiedenen Gründen der überwiegende Anteil aller Gebäude über einen hohen Grad von Vernetzung verfügen wird. Dabei denke ich vor allem an Systeme des Energiemanagements, da ich davon ausgehe, dass wir in Deutschland und Europa vollkommen neue Formen der Energieversorgung bekommen und betreiben – alleine schon unter dem Aspekt der Elektromobilität.

Welche „smarten“ Erfindungen / Komponenten werden bei Ihnen am meisten nachgefragt? – Sind diese 2016 realisierbar?

Alexander Schaper: Die Nachfrage richtet sich stark nach Zielgruppe (privat oder geschäftlich) und dem Einsatzzweck, das heißt, ob eher wohnen oder arbeiten im Fokus der Nachfrage stehen. In unserer Definition sehen wir „smart“ grundsätzlich als Planungsphilosophie und nicht als rein technischen Ansatz. Wir machen uns mehr Gedanken über Prozesse und deren Anforderungen und nicht über die Grenzen technischer Lösungen.

Die Anfragen rund ums Wohnen beziehen sich meist auf bereits etablierte Themen wie beispielsweise Beschattung, Türkommunikation, Heizungs- und Lichtregelung. Durch die Kommunikation zum Thema Smart Home, sind in den letzten Jahren die Themen Zutrittskontrolle und auch Multimediavernetzung, beziehungsweise strukturierte Verkabelungen, hinzugekommen. Im Prinzip nichts Neues. Allerdings wurden früher eher einzelne Themen „aufgerufen“.

Heute möchten die Kunden bereits alles auf einen Schlag und vor allem – und hier wird es eben anders – vernetzt beziehungsweise vernetzbar. Die Verknüpfung verschiedener Domänen, die Einrichtung von Routinen im Hintergrund und eine Bedienung via Touchpanel oder im Kleinen per App, stehen heute immer häufiger auf der Wunschliste. Wirklich „verrückte“ Anforderungen gibt es sehr selten.

Für uns Planer teilen sich diese Anforderungen im Kern auf zwei Ebenen auf: Grundsätzlich erfordern diese Anwendungen eine solide Infrastruktur für die Übertragung von Daten und eine möglichst variable „Verschaltung“ der Energieleitungen (also NYM-Kabel, Verteiler, Schalter-, Abzweig und Elektronikdosen). Dies ist eine wichtige – aber lösbare – Herausforderung für den Neubau wie für den Bestand. Allerdings sollte man auch akzeptieren, dass Lösungen im Bestand ihre Grenzen haben bzw. häufig auch höhere Kosten nach sich ziehen und somit meist aus Budgetgründen etwas kleiner ausfallen.

Der zweite Teil, welcher sich mit der Verknüpfung / Vernetzung verschiedener Systeme und Domänen beschäftigt ist deutlich komplexer, da es die meisten Planer schon fachlich schnell an Grenzen führt – hier sollte man offen mit dem Bauherren sprechen, ob evtl. ein Systemintegrator zu Rate gezogen wird. Wünscht der Kunde die Vernetzung von Geräten und Systemen, welche unterschiedliche Protokolle verwenden, muss man sich viele Gedanken machen, um am Ende eine funktionierende Lösung zu erhalten. Dabei geht es an dieser Stelle noch nicht einmal um die „totale“ Vernetzung, sondern eher um die Verbindung von Teilsystemen.

Überwiegen Ihrer Meinung nach Komfort oder Energieeinsparung bei der Nachfrage?

Alexander Schaper: In vielen Fällen vereinen sich insbesondere die Themen Komfort und Energie, wenn auch zunächst unbewusst. Auf der Kostenseite ist Energie zwar ein Kopfthema, aber in der persönlichen Wahrnehmung im gelebten Alltag ist Energie eigentlich immer ein Gefühls- und somit ein Komfortthema. Denn wenn einem kalt oder das Licht zu dunkel ist, dann kommt die Freude am Energiesparen schnell an ihre Grenzen.

Oft hängen eine gute Klimatisierung (Luftfeuchte, CO2, Temperatur) mit einem angemessenen Energieverbrauch unmittelbar zusammen, d.h. der gefühlte Komfort und ein kluges Energiemanagement bilden eine im Sinne des Wortes „angenehme Symbiose“. Durch die vernetzbaren Komponenten lassen sich Komfort- und Energiethemen zwar trennen, aber vor allem auch miteinander verknüpfen.

Ist das sogenannte Smart Home ein Technologiekonzept der Zukunft, das unsere ältere Generation nicht mehr betrifft?

Alexander Schaper: Es gibt den Wandel von Komfort – zu Hilfsfunktionen. Einerseits kann ich mit Beleuchtung tolle Effekte erzeugen, beispielsweise wenn der Flur, sobald ich ihn betrete, leicht gedimmt beleuchtet wird. Spätestens aber, wenn ich gebrechlich bin – durch einen Unfall oder altersbedingt – habe ich ein richtiges Hilfssystem, das mich dabei unterstützt sicher von A nach B zu kommen. Mit vernetzter Technik kann man außerdem sicherer und länger in den eigenen Vier Wänden verweilen.

Unsere Erfahrung und auch der Vertrieb zeigen deutlich, dass das Thema für fast jede Altersgruppe relevant und interessant ist. Insbesondere für Menschen, die betagt oder in gewisser Weise im Alltag beeinträchtigt sind, bieten Smart Home Anwendungen – dann eher als Assistenzlösung zu verstehen – tolle, hilfreiche und  komfortable Unterstützung. Mit anderen Worten – für die Planung ist es vor allem wichtig, sich mit den Lebensumständen der Kunden bzw. Zielgruppen auseinanderzusetzen, um zu angemessenen Lösungen zu kommen. Selbstverständlich stets unter Einhaltung zur Verfügung stehender Budgets, die auf Grund ihrer realen Höhe auch die Komplexität in der Planung von ganz alleine reduzieren.

  1. Kann man Smart Home-Komponenten problemlos in den Bestand integrieren?

Grundsätzlich lassen sich fast alle Smart Home-Anwendungen durch diverse drahtgebundene und/ oder funkbasierende Komponenten realisieren. Ob dies problemlos funktioniert, hängt dabei sehr von dem ab, was man vorfindet. Stößt man auf eine sehr minimalistische oder auch schlechte Elektroinstallation ergeben sich daraus selbstverständlich „natürliche“ Grenzen, die ausschließlich durch partielle oder evtl. auch etwas umfangreichere Nachbesserungen verschoben werden können. Dies kann durch Umverdrahtungen in Abzweigdosen, Einbau von anderen/ größeren Verteilungen oder Erweiterungen von Steck- und Schalterdosen erreicht werden. Stößt man hingegen auf eine gute Installationsbasis, meist aus der jüngeren Vergangenheit ab Ende der 1990er Jahre, dann steht einer Integration mit überschaubarem Aufwand nicht viel im Wege.

Gibt es Smart Home-Produkte, die dem Menschen – unabhängig von Energieeinsparung und Umweltfreundlichkeit – nützen?

Alexander Schaper: Diese Frage kann man sich am einfachsten beantworten, wenn man nicht über Produkte, sondern ausschließlich über Nutzen – oder besser gesagt – Anwendungen nachdenkt. Dabei müssen es gar nicht die hoch komplexen Nutzer-Szenarien sein. Außerdem ist der Begriff bzw. der Inhalt von Nutzen höchst individuell. Dennoch hier ein paar kleine Inspirationen:

  • zentrale Steuerung der Beschattung z.B. je Raum, je Stockwerk oder sogar je Gebäude (EFH), d.h. der Nutzer muss nicht von Fenster zu Fenster gehen, um die Beschattung zu bedienen. Über eine vernetzte Lösung sind verschiedene Bedienansätze zu realisieren und sogar in einen zeitlichen Zusammenhang zu bringen. So könnte beispielsweise ein und derselbe Schalter ab einer oder bis zu einer festgelegten Uhrzeit alle Rollläden hoch bzw. runter fahren lassen
  • wetterabhängige Bewässerung des Gartens in Abhängigkeit einer bestehenden Bodenfeuchte
  • Zusammenfassen von verschiedenen Leuchten und unterschiedlich gedimmten Werten zu sogenannten Lichtszenen
  • zentrale Aus-Funktion: Beim Verlassen des Hauses werden zuvor (i.d.R. im Rahmen der Installation) festgelegte Strom- oder Steckdosenkreise abgeschaltet, dass Licht in einen vordefinierten Zustand (aus oder auch Anwesenheitssimulation) versetzt
  • Lichtsteuerung durch Präsenz, z.B. automatisches Licht im Keller oder in der Garage, welches sich ein und(!) wieder ausschaltet
  • Kombination von Beleuchtungsszenen in Verbindung mit Musik
    • Sprachausgabe von Systemzuständen über Netzwerk-Musikspieler
    • Welche Erfahrungen haben Sie mit Nutzerzufriedenheit beim Smart Home?

Alexander Schaper: In der Regel ist es so, dass Unzufriedenheit von Nutzern immer dann aufgekommen ist, wenn beide Seiten zu viel gewollt haben. In der Regel kommen wir Menschen aus einer fragmentiert vernetzten Umgebung, und wenn man dann alles miteinander vernetzen möchte, dann ist den meisten Menschen nicht bewusst, was der used-case (Anwendungsfall) ist. Oft ist den Menschen nicht klar, dass sich die verschiedenen Anwendungen konterkarieren können. Bei den unregelmäßig auftretenden Problemen, ist es immer sehr schwierig den Ursprung zu finden. Es gibt in der Regel keine Protokolle darüber, welches Gerät wann womit kommuniziert hat. Neu hinzugekaufte smarte Geräte müssen mit bestehenden smarten Geräten gekoppelt werden, damit keine Informationsirritation entsteht. Es muss so programmiert werden, dass klar ist, welches Gerät höhere Relevanz bei der Steuerung haben soll.

In den letzten 2-3 Jahren haben wir die Erfahrung gesammelt, dass sich mehr auf einzelne Smart Home-Element fokussiert wird wie Temperatur- und Einzelraumregelung, Klimatisierung oder Beleuchtungssteuerung. In diesen Fällen sind die Nutzer sehr zufrieden. Menschen, bspw. Mieter, die aus einer solchen Umgebung in einen „unsmarten“ Raum umziehen, vermissen meist diese Standards.

Sind die heutigen Systeme ausgereift?

Alexander Schaper: Wenn man sie rein technisch betrachtet, kann man attestieren, dass sie schon weitestgehend ausgereift sind. Die meisten Systeme, die ich kenne, sind ausgereift. Das Problem ist eher, dass die Systeme in einigen Teilen sehr komplex sind oder es gibt innerhalb der Systeme keine Plausibilätsprüfung.

Man kann keine Logik dahinter vereinbaren, da es sehr individuell ist, was an Programmierung stattfindet. Guckt man also fokussiert auf einzelne Produkte oder einzelne Anwendungen, kann man durchaus attestieren, dass sie ausgereift sind, aber auf der Konfigurations- und Administrationsseite haben wir Defizite durch die fehlende Plausibiltätsprüfung und es keine übersichtliche grafische Darstellung der einzelnen Programmierungen gibt. Dadurch verliert man relativ schnell den Überblick. Auf der einen Seite also ja- sie sind ausgereift. Auf der anderen Seite nein, sie haben durchaus Verbesserungspotential.

Was muss ein Architekt beachten, wenn smarte Technik in einem Neubau installiert werden soll?

Alexander Schaper: Wir müssen immer darauf achten, dass das Gebäude an sich – ohne dass smarte Komponenten vorhanden sind – möglichst zukunftsfähig designt wird. Wir sollten darauf achten, dass ein Gebäude über eine solide IT-Infrastruktur verfügt und es die Möglichkeit gibt Netzwerkdosen einzubauen. Elektrotechnische Kabel bzw. das Konstrukt dahinter muss mehr betrachtet werden, eine strukturierte Verkabelung muss deutlich mehr Relevanz in der Planung erhalten. Diese Infrastruktur, die nach der DIN EN 50173 Teil 4 zu erfolgen hat, muss mehr Relevanz haben, besonders wenn ich Richtung Smart Home gehen möchte.

Im zweiten Schritt sollte man sich überlegen, mit welcher Klientel habe ich zu tun, welche Smart Home Produkte kann ich überhaupt anbieten? Die verfügbaren Summen sind meist im vierstelligen Bereich. Da empfiehlt es sich zu schauen, welche Systeme gibt es und mit welchen setze ich mich auseinander? Dadurch sinkt gleichzeitig die Komplexität und man kommt zu lösbaren Aufgaben.

Was sind architektonische und planerische Vorteile eines Smart Homes gegenüber heutiger Bauweise?

Alexander Schaper: Es gibt einen Vorteil: das ist der Aufbau von hybriden Systemen, die aus kabelgebundenen und aus funkbasierten Komponenten bestehen. Wenn ich beispielsweise an einer bestimmten Stelle einen Lichtschalter haben möchte, aber der sich schlecht planen lässt, weil die Mauer zu dünn ist o.Ä., hat man die Möglichkeit auf eine hybrides System zu setzen, das sowohl drahtgebunden als auch funkgebundene Komponenten beherbergen kann. Über tab-Verschnittstellen schafft man es, alle Lichtschalter zu bündeln und ans System zu führen. Wenn es sich vermeiden lässt, kann man auch einen Funktaster legen, der an eine Stelle kommt, an der ich ihn gerne hätte – ohne Verdrahtungsaufwand. Dadurch lassen sich massiv Kosten reduzieren.

Wieso setzen Sie sich für das Smart Home ein bzw. wieso beschäftigen Sie sich seit über 20 Jahren mit moderner Gebäudetechnik?

Alexander Schaper: Wenn wir Gebäude betrachten, sollten wir eine möglichst hohe Nachhaltigkeit haben. Gerade die letzten zehn Jahre, haben uns gezeigt, wie schnell technologischer Wandel sich vollzieht und damit dieser technologische Wandel überhaupt Einzug in unsere Immobilien halten kann, muss die Infrastruktur passen. Deshalb poche ich so auf den Aufbau solider Kabelinfrastruktur. Um nachhaltig in Gebäuden wohnen zu können, lasst uns die Grundlagen schaffen, um Smart Home zu realisieren und lasst uns die Veränderung von Smart Home in den nächsten Jahrzehnten verdauen können, sodass man nicht immer wieder an Grenzen kommt wie fehlende Kabel oder gestörten Funk oder nicht vorgesehen Verteilergrößen.

Das Interview führte Nora Geiger.

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